Weihnachten fällt aus. Wegen Spam
Verdoppelt, versechsfacht - wie auch immer: Jeden Morgen quillt das Postfach über von Mails, die ich eigentlich nicht wollte. „It’s me Billy“ , „Hier hat sich Frank eine bestellt“ oder „Kay check this“ lauten die Nachrichten von angeblichen Freunden. Wirklich wirksame Strategien sind selten. Und mein Geheimtipp führt leider zum Persönlichkeitsverlust.
Seit Januar 2006 sei das Spam-Aufkommen bereits um fast das Sechsfache gestiegen, belegt eine aktuelle Auswertung des Berliner eMail-Sicherheitsdienstleisters eleven. Täglich werden hier bis zu 120 Millionen eMails geprüft. Über 70 Prozent aller eingehenden Mails sind demnach Spam-Nachrichten. Etwa zehn Prozent machen abonnierte Massenmails wie Newsletter aus. Und nur noch rund 20 Prozent sind erwünschte, individuelle Nachrichten. Allerdings überschreite schon heute bei einigen Unternehmen der Spam-Anteil die 90 Prozent-Marke, so die Experten.
In gewisser Hinsicht ist das erleichternd: Dann kann ich nicht die Einzige sein, die unter der Plage leidet. Es bleibt aber zunächst bei einem Vorwurf an die Hersteller von Spamfiltern (und unsere Kollegen in den IT-Abteilungen). Warum helfen sie uns nicht? Natürlich sollten wir uns allerdings ein bisschen schlauer machen, ehe wir insbesondere die lieben Kollegen anraunzen - schließlich sitzen sie am längeren (Technik)Hebel.
Und es gibt auch Entschuldigungen: Spammer integrieren ihre Werbebotschaften seit Ende 2005 verstärkt in unterschiedliche Arten von Bildern und überlisten mit solchen Tricks Spam-Filter. Auch die durchschnittliche Größe einer Spam-Mail nahm durch das Aufkommen von „Image-Spam“ im Jahr 2006 stark zu. Der eMail-Dienstleister Postini bestätigt: Spammer entwicklen ihre Taktiken kontinuierlich und erfolgreich weiter. Mittlerweile machen Image Spam and MS Office Document Spam schon 30 Prozent aller Junk Messages aus. Im vergangenen Jahr lag der Anteil bei zwei Prozent. Auch die besten Kollegen sind weitgehend machtlos, wenn die Techniken so kunstvoll werden. In HTML-Dokumenten werden zum Beispiel 25 kleine Images versteckt untergebracht oder animierte GIFs fungieren als trojanische Pferde und schleusen die unerwünschten Werbebotschaften vor Entdeckung geschützt durch die eMail-Filter.
Da müssen wir also zur Selbsthilfe greifen. Ein Kollege löst sein Problem, indem er morgens zunächst alle englischsprachigen Mails löscht. Das ist zwar effektiv, wäre aber in meinem Fall vollkommen indiskutabel. Da ich nicht nur mit englischsprachigen, sondern auch mit spanischen Kollegen arbeite, scheidet die Möglichkeit ebenfalls aus, Absender nach dem Motto „Der kommt mir spanisch vor“ direkt in den Papierkorb umzuleiten. Und da mein Koreaaufenthalt neulich zu (hoffentlich weiterhin sich entwickenden) Kontakten geführt hat, sind sogar die asiatischen Schriftzeichen für mein löschwilliges Auge tabu.
Aber gerade jetzt, kurz vor Weihnachten, mitten im Jahresendtrubel muss ich eigentlich ein paar Minuten in der Woche herausschinden, um rechtzeitig die Geschenke zu bestellen. Wenn ich jeden Tag eine halbe Stunde damit beschäftigt bin, 500 nicht erkannte Spammails als Lernmaterial an unseren Filter zu leiten, dann wird es nichts mehr mit dem Friede-Freude-Fest.
Vor ein paar Tagen bin ich allerdings auf eine simple Idee gekommen, die bis jetzt recht gut funktioniert. Ich habe einen weiteren allgemeinen Posteingangsordner eingerichtet: „Nicht-Ich“ heißt er. Da hinein wandern automatisch alle Mails, die nicht ausschließlich an mich persönlich gesendet werden. Und Überraschung: Nach dieser erstaunlichen schmerzfreien Amputation der Teile meiner Persönlichkeit, die Mitglied verschiedener Listen und Arbeitsgruppen ist, kann ich wieder weitgehend ungestört arbeiten - natürlich zunächst nur im Rahmen meiner monadenhaften Kernidentität. Aber für den Wehnachtsfrieden war es ja eigentlich schon immer nötig, auf einige nicht angepasste Teile der Persönlichkeit zu verzichten…
07.12.2006 | Monika Gatzke