Mobil oder lieber doch nicht?
Seit Jahren gehyped, mit Statistiken unterfüttert, mit Lob überschüttet: Eigentlich müsste die mobile Revolution jetzt über die Deutschen kommen. Doch statt begeistert den PC zum alten Eisen zu schicken und auch den Kindern Smartphones zu kaufen sind die Deutschen vor allem eines: vorsichtig und sparsam.
Das vielbeklagte Konsumverhalten der Deutschen soll die Schuld tragen: Irgendwie geht der mobile Markt doch nicht so ab, wie man seit langem propagiert hat. Die Deutschen sind einfach zu sparsam und zu mehrwertorientiert, viele wissen nicht, was sie mit dem mobilen Netz anfangen sollen, den meisten ist es zu teuer. Smartphones gelten als kompliziert, alles was ein „i“ vor sich herträgt kann nur von einer Minderheit bezahlt werden, die Netzabdeckung lässt in ländlichen Bereichen zu wünschen übrig – es gab schon Revolutionen mit mehr Erfolgsaussichten.
Nichtsdestotrotz setzt man derzeit alle Hoffnungen in die Eroberung des mobilen Marktes, allen voran die Provider, die mit Verbindungsgebühren und Volumentarifen kräftig verdienen wollen. Dabei erweist sich genau diese Strategie als Hauptproblem, wie sich bei der Entwicklung des Internets in den 90er Jahren leicht zeigen lässt. Solange Internetgebühren auf Minutenbasis abgerechnet wurden und die Netze langsam waren, solange die Tarifsysteme überkompliziert waren und der Durchschnittsverbraucher nicht wusste welchen Tarif er wählen sollte blieben die Deutschen zurückhaltend – ein Online-Entwicklungsland mit tollen, aber wenig benutzen Datenleitungen.
Ein ähnliches Schicksal könnte nun dem mobilen Internet drohen: Man weiß halt meistens nicht, wie viel man wann und wo und auf welchen Seiten surft; das Nutzungsverhalten ist, wie im stationären Internet, individuell und tagesformabhängig. Eine Flatrate wäre die beste Lösung, ist aber teuer – und braucht man diese wirklich? Ein Tarif für Telefonie und Daten zum günstigen Preis, wie im Festnetz, wäre auch hier die Lösung – nur ist dies aus Sicht der Provider wenig lukrativ. Genau diese Einstellung hemmt aber den mobilen Boom bisher am stärksten. Bis zu 50 Euro und mehr Telekommunikationskosten pro Person im Monat –für die meisten Haushalte ist dies zuviel.
Auch an anderen Fronten stockt die Revolution, beispielsweise bei Formaten und mobilen Browsern. Diese sind im Unterschied zum Festnetz keineswegs einheitlich und mitunter zickig, insbesondere Shoppinganwendungen mit Eingabefeldern und sicheren Verbindungen verursachen Probleme. Hinzu kommt noch das subjektiv schlechtere Sicherheitsgefühl mobiler Netze: Presseberichte über den Umgang mit sensiblen Daten bei namhaften deutschen TK-Unternehmen verursachen Mulmigkeit bei Mobile-Banking, -Shopping und -Social Networking.
Wenn das nötige Kleingeld nicht über die Verbindungsgebühren verdient werden kann, muss es woanders herkommen – und zwar über die Inhalte. Diese sind bisher noch nicht besonders überzeugend, so bieten viele mCommerce-Angebote lediglich funktionsabgespeckte Versionen ihrer Festnetz-Hauptseiten. Shopping-Apps funktionieren nur auf App-tauglichen Geräten, grafische Darstellungen und/oder Produktvideos benötigen UMTS-Abdeckung, sonst wird es arg langsam und umständlich.
Larmoyanz über die mangelnde Konsumfreunde der Deutschen ist allerdings in jedem Fall unangebracht. Vielmehr sollten wir stolz darauf sein, nicht auf jeden Marketingtrick hereinzufallen, sondern gute und mehrwertige Produkte zu fordern. Diese Einstellung wird sich langfristig auch auf das mobile Internet auswirken; weg von den Neppangeboten, hin zu günstigen, nützlichen und übersichtlichen Nutzungstarifen und Anwendungen.
Denn eines ist sicher: Das mobile Internet ist eine großartige Errungenschaft - und viel zu wichtig, um sie hohlen Werbephrasendreschern zu überlassen.
02.06.2010