Deutsche Rabattrallye rollt an
Billigere Pizza, billigere Kleidung, billigerer Anwalt: Nahezu alles lässt sich über Gutscheinwebsites vermarkten. Die eigenwillige Symbiose aus On- und Offline-Geschäftswelt findet in Deutschland, nach ihrem Mutterland USA, immer mehr Anhänger. Die Welle ist gerade erst angerollt.
Großmutters Rabattmarkenheft ist wieder da: Ohne Großmutter und nicht aus Papier, dafür aber in breitester Auswahl für alle Branchen im Netz. Statt auszuschneiden muss man heute nur noch klicken, schon wird die Dauerwelle, die Inspektion oder die Fußpflege billiger – wenn man die richtige Gutscheinseite erwischt hat. Denn das ist derzeit wohl noch das größte Problem: Unzählige deutsche Start-Ups springen derzeit auf den Groupon-Zug auf; das US-Flaggschiff drängt nach der Übernahme von Citydeal obendrein in den deutschen Markt hinein – die nötige Konsolidierung lässt derzeit noch auf sich warten.
Doch ist diese wirklich nötig? So sehen manche im Gutschein-Geschäft durch die lokale Bindung der Angebote durchaus die Chance, das „the Winner takes it all“ diesmal nicht gelten muss. Insbesondere in der lokalen und extrem lokalen Nische finden sich Angebotslücken, die von den großen Portalen nicht erfasst werden – mit 82 deutschen Großstädten sind diese auch schon gut ausgelastet. Angebote wie beispielsweise „Heimatreklame“ (ECIN berichtete) gehen gezielt in diese Nische und wollen die deutsche Provinz mit lokalen Sonderangeboten erobern – bestes vom Bamberger Bauern statt Hamburger Edel-Sushi.
Die Gutschein-Symbiose von eCommerce und Einzelhandel hat ein neues Kapitel der Online-Geschäftswelt aufgeschlagen. Ging man bisher davon aus, dass Online- und Offline-Händler in einem Konkurrenzverhältnis zueinander stehen, haben sich jetzt beide profitabel miteinander arrangiert. Das beim Verkauf eines Gutscheins eine Provision abfällt und man trefflich lokale, standortbezogene Anzeigen neben den Sonderangeboten schalten kann, ist ein positiver Online-Effekt – der Offline-Effekt ist wohl offensichtlich. Auch wenn dies die Verödung des deutschen Einzelhandels nicht aufhalten wird – ein Anfang ist gemacht.
Denn insbesondere kleine und mittlere Unternehmen haben nun eine zusätzliche Chance. Der Einstieg ins Coupon-Marketing ist günstig, einfach und schnell gemacht. Handwerksbetriebe, Gartenbauer, lokale IT-Dienstleister - die Liste der Branchen ist endlos. Auch im B2B-Sektor, bisher beim Gutscheinmarketing eher spärlich in Erscheinung getreten, kann es nicht mehr lange dauern bis sich ein Portal mit der speziellen Ausrichtung „von-Firmen-an-Firmen“ entwickelt.
Besonders das Prinzip des Mengenrabatts, bei dem eine bestimmte Anzahl Käufer für einen Preisnachlass zusammenkommen muss, hat viele Reize: So kann sich eine Wohnsiedlung die Gärten renovieren lassen, ein von mehreren Parteien genutztes Bürohaus die neue Elektroverteilung leisten und, wer weiß, vielleicht können einst auch kommunale Infrastrukturaufträge per Gutschein verteilt werden – die Möglichkeiten sind, wie immer im eCommerce, fast unbegrenzt.
10.06.2010