Kaufkraft durch Glaubwürdigkeit
Im Netz ist beinahe alles was geschieht irgendwie messbar: Gut aber auch irgendwie schlecht.
Natürlich möchte niemand, dass noch in 50 Jahren für allerlei fremde Augen nachvollziehbar ist, wann er mal am Toilettenpapier gespart hat. Doch genau das könnte uns blühen, denn das Internet kennt diesbezüglich keine Gnade. Vorbei die naiven 1990er Jahre, als sich noch viele von uns tatsächlich im Glauben befanden, man sei im Web ja doch irgendwie anonym. Im digitalen Zeitalter wird alles was sie kaufen und überhaupt jede Transaktion irgendwie, irgendwo gespeichert. Auf genau diese Tatsache ist es zurück zu führen, dass momentan so ein Hype um die Kaufempfehlungen innerhalb sozialer Netzwerke gemacht wird. Wenn ihnen früher ihre Schwägerin am Mittagstisch von ihrer tollen neuen Handtasche berichtete und ihnen dringend empfahl, doch zuzuschlagen solange sie im Angebot ist, dann ging das niemanden etwas an, der nicht mit am Tisch saß. Heute aber greifen unzählige gierige Finger auf das Schlagwort „Handtasche“ zu, wenn sie so wagemutig sein sollten, es bei Myspace oder sonst irgendeinem Netzwerk als Tipp an Freunde fallen zu lassen. Analysten und Marketer sind nämlich auf die Idee gekommen, Empfehlungen, die wohl mindestens so alt sind, wie der Konsum selbst, zu messen und zu analysieren. Gesprochene Worte haben schließlich den großen Nachteil, dass sie verhallen und nicht ausgewertet werden können.
Natürlich tut es der Wirtschaft gut, wenn die Anbieter wissen, was sie eigentlich anbieten sollen, keine Frage. Die Deutschen sind aus der Krise erstaunlich ungerührt hervorgegangen, im Mai wuchsen die Ausfuhren schon wieder um satte neun Prozent – es sei dahingestellt, ob es sich um ein teuer erkauftes Strohfeuer handelt oder eben nicht. Aber mit dem Online-Handel etabliert sich derzeit eine Branche, die das junge Jahrhundert wahrscheinlich nachhaltig und in einer Weise prägen wird, die wir uns bislang nur schwer ausmalen können. Soziale Netzwerke sind der Acker, auf dem ein Großteil des Weizens eingefahren werden wird. Dort tauschen wir uns mittlerweile, wie im echten Leben, untereinander aus. Wir lassen uns von Angeboten faszinieren, zum Kauf überreden oder von einem Massenhype mitreißen, genau wie früher. Der Unterschied liegt eben in dem kleinen, aber feinen Detail, dass unser Verhalten von verschiedensten Interessenten ausgewertet wird und die Reaktionen auf unseren Konsum dementsprechend schnell und wuchtig eintreten. Der Handel ist schneller geworden; Trends könnten künftig schneller kommen und gehen als wir Geld überweisen können. Produktzyklen werden bereits seit Ende der 80er Jahre immer kürzer, wundern sie sich also nicht, wenn es mit dem Bremsen beim Neuwagen demnächst etwas schwieriger wird. Freilich werden sich die Mechanismen des Marktes, wie immer, anpassen. Doch der Anwender sollte sich im Klaren darüber sein, welche Steine er mit seinem Verhalten lostritt und welche Türen irreversibel geöffnet werden. Nur wenn der Geist genauso schnell wächst wie der eCommerce, dann lassen sich von Anbietern und Nachfragern die Vorteile des digitalen Handelns in vollen Zügen genießen.
22.07.2010