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Der neue "inoffizielle Mitarbeiter"

Zumindest aus dem Fernsehen kennen wir die Autos mit den merkwürdigen Kameras auf dem Dach. Web-Riese Google stößt mit „Street View“ auf unerwartet harten Widerstand.


 

Ist das typisch deutsch oder wurde es einfach nur Zeit, dass mal jemand etwas sagt? Es ist ja nicht so, dass Google in den anderen Ländern, in denen man bereits Städte in 360°-Ansicht online bewundern kann, keine Kritik aufkam. Doch in Deutschland ist der Schutz der Privatsphäre, geschichtlich bedingt, ein besonders hart verteidigtes Gut. Kaum zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung droht diesmal dem ganzen Land eine Beschneidung des persönlichen Rechts auf unbeobachtete öffentliche Fehltritte – so der Tenor der schärfsten Gegner von Street View. Völliger Quatsch, Panikmache und Schwarzseherei sagen Andere. Die Möglichkeit sich ganze Städte in guter Qualität aus Originalperspektive zu betrachten begeistert sie. Denn seien wir mal ehrlich: Google Earth ist ja eine nette Sache aber aus einem nahezu rechten Winkel von oben auf die Welt zu blicken, gibt allerhöchstens begeisterten Segelfliegern eine echte Orientierung in der Landschaft, von einem Eindruck der Architektur oder der Sehenswürdigkeiten ganz zu schweigen.

Insofern ist Street View bestimmt eine feine Sache. Dumm nur, wenn man vom vorbei fahrenden Google-Wagen beim Verlassen eines einschlägigen Clubs abgelichtet wird – in begeisternder Auflösung. Es gibt zahlreiche Bemühungen derartig peinliche Bilder aus dem System zu entfernen, aber da ständig neue Aufnahmen geschossen werden, wird auch die Zahl der sich entblößt fühlenden Saunafans, Biertrinker und Falschparker eher steigen, als zurück gehen. Die Welt wird rasant kleiner und natürlich wird es Spaß machen, per Mauslick über den Sunset Boulevard zu schlendern und die Wolkenkratzer New Yorks zu bestaunen. Auch bei der Wohnungssuche können die Rundumfotografien sicherlich eine wertvolle Hilfestellung geben. Dass Menschen in den Bildern auftauchen und man unter Umständen sehen kann was sie tun, das ist im echten Leben auch nicht anders. Dennoch muss der Einzelne ein Recht darauf haben, dass nicht Milliarden von Anwendern sich über ihn amüsieren, weil er „versehentlich“ die falsche Frau an der Hand hält. Mindestens einer der Street View-Nutzer nämlich wird das weniger unterhaltsam finden und sein Leben in Scherben zerschellen sehen. Und genau das ist der Punkt, an dem Google zuviel Einfluss hat. So merkwürdig es klingt, die Menschen müssen ihr Recht auf Fehlverhalten bewahren dürfen. Deshalb ist es nicht genug, dass man nach dem Release von Street View in Deutschland zwei Wochen lang online Widerspruch einlegen und Unkenntlichmachung verlangen kann; diese Möglichkeit sollte dauerhaft bestehen bleiben.

Nach bisherigem Stand nämlich, muss die Beschwerde nach Ablauf der zwei Wochen schriftlich eingereicht werden. Den Sinn dieser Regelung versteht wahrscheinlich Google Deutschland, ansässig in Hamburg, selbst nicht. Der Datenschutzbeauftragte der Stadt Hamburg, Johannes Caspar, gängelt derweil harmlos herum. Es habe ihn sehr überrascht, dass Street View bereits Anfang kommender Woche frei geschaltet werden solle. Seine Bedenken, das komplexe Widerspruchsverfahren so kurzfristig in Gang zu setzen, seien leider nicht berücksichtigt worden, flötete er. Das hat gesessen, bekam er doch umgehend Rückendeckung vom Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar! Während Google das Land mit seinem neuen Angebot spaltet, druckst die Politik herum und legt, trotz Abkühlung des Wetters, die Entscheidungsträgheit nicht ab. Es steht noch nicht ein Mal fest, ob die Wohnungen von hohen Politgrößen unkenntlich gemacht werden sollten und überhaupt wären ja die Aufsichtsbehörden der Länder zuständig. Da verzieht man sich doch am liebsten gleich in die weite Ferne – mit oder ohne Street View.

12.08.2010