Barrierefreies Informationsdesign - Internet auf Krankenschein?

Pressemeldung über:    veröffentlicht am 20 November 2003  
 
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amcNicht selten als ein Akt bloßen guten Willens und frommer Absichten missverstanden, gibt es für Online-Anbieter eine ganze Reihe konkreter und guter Gründe auf ein „barrierefreies“ Webdesign zu setzen. Angefangen bei einer besseren Usability von der alle profitieren, über die Einhaltung möglicher rechtlicher Aspekte bis hin zur Suchmaschinen-Optimierung reicht die Palette der Argumente. Dass man sich zudem u.U. auch noch einen neuen Kundenkreis erschließt, bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung.

Barrierefreiheit ist ein neuer Fachbegriff, der sich ein wenig langsam, aber stetig ausbreitet. Webdesigner und Programmierer, Marketing- und IT-Verantwortliche sind zunehmend für das Thema sensibilisiert. Dabei ist vielen noch nicht klar, ob “barrierefrei” lediglich ein weiteres Marketing-Buzzword ist oder für eine gesellschaftlich wie technologisch nachhaltige Entwicklung im Internet steht. Mit entsprechenden Auswirkungen auf Design, betriebliche Prozesse und Budgetansätze.

Es ist nicht einfach, sich dem Begriff und den Dimensionen der Barrierefreiheit zu nähern, da hier Aspekte von Ergonomie und eCommerce, Gestaltung und Gesetzgebung, sozialer Verantwortung und kommerziellem Kalkül zusammentreffen. Europaweit zeigen Studien, dass bis zu 20 Prozent aller Surfer das Internet nicht optimal nutzen können. Neben gedankenloser Gestaltung - etwa bei Navigation oder nicht skalierbaren Schriftgrößen - verhindern auch unzureichend berücksichtigte technische Gegebenheiten (unterschiedliche Browser und Betriebssysteme, fehlende PlugIns, geringe Bandbreiten oder verschiedene Bildschirmformate), dass eine größere Zahl von Nutzern erreicht wird. Welches Unternehmen aber kann es sich leisten, dieses Potenzial an Umsatz und Aufmerksamkeit auf Dauer “auszusperren”?

In seiner schlichtesten Definition wird barrierefreies Informationsdesign mit dem Begriff “behindertengerechtes Internet” gleichgesetzt. Doch dass Menschen mit Behinderungen an den Chancen einer modernen Informationsgesellschaft partizipieren können, hat genauso wenig mit “Gerechtigkeit” oder gar “Freundlichkeit” zu tun, wie das Absenken von Bordsteinen oder die Möglichkeit für Gehörlose, sich in Gebärdensprache auszudrücken. Vielmehr handelt es sich um eine Selbstverständlichkeit und seit längerem um ein verfassungsrechtliches Gebot - nachzulesen im Artikel 3 des Grundgesetz. Dieser Anspruch wurde im Mai 2002 mit dem Bundesgleichstellungsgesetz (BGG) für viele Lebensbereiche geregelt und seit Juli 2002 in der „Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung“ (BITV) für Internetangebote konkretisiert.

Drei interessante Trends lassen sich unterdessen beobachten:
Erstens. Auf Mailinglisten und Fachveranstaltungen diskutieren Experten und Tüftler inzwischen die vertracktesten Spezialfälle, während eine breite Öffentlichkeit nicht einmal für die Relevanz des Themas sensibilisiert ist. Bisweilen vermisst man bei einigen „Perfektionisten der Barrierefreiheit“ ein weniger dogmatisches Vorgehen, das eine stufenweise Annäherung als Weg zu mehr Zugänglichkeit akzeptiert. Im Interesse einer besseren Verständlichkeit und Breitenwirksamkeit ihres Anliegens.

Zweitens. Breite Aufmerksamkeit hingegen versprechen sich immer häufiger Unternehmen, die in den Medien einen barrierefreien Relaunch ihrer Website ankündigen, der oft nicht mal einer oberflächlichen Prüfung standhält. Doch auch bei engagierteren Projekten wird bisweilen übersehen, dass nicht nur die technisch überprüfbare Zugänglichkeit (accessibility), für die inzwischen eine Vielzahl von Softwaretools bereit steht, getestet werden muss. Genauso wichtig – und das ist eigentlich nichts Neues – ist der „menschliche Faktor“, die Nutzerfreundlichkeit (usability). Damit wird deutlich, dass die oft zitierten „Betroffenen“, die eigentlich als Begünstigte zu bezeichnen sind, in den Prozess auf dem Weg zur Barrierefreiheit mit einbezogen werden müssen.

Drittens. Inzwischen gibt es eine fast inflationäre Zahl von Gütesiegeln, digitalen Prüfstempeln, Zertifikaten und sogar selbst verliehenen Barrierefreiheits-Zeugnissen. Damit wächst zum einen die Unsicherheit über tatsächliche Anforderungen, verlässliche Kriterien und „autorisierte“ Zertifizierungsstellen für Barrierefreiheit. Zum anderen wird der Ruf von interessierten Kreisen nach einem verbindlichen Prüflisten und einem Qualitätssiegel „barrierefrei“ immer lauter.

Doch Richtlinien, Gesetze und die Lobbyarbeit von Verbänden allein reichen nicht aus, um die Informationsgesellschaft einfacher für Alle zu gestalten. Noch gibt es erhebliche Defizite beim persönlichen Verständnis für die Wichtigkeit des Themas und dem daraus abgeleiteten Handeln. Das bleibt nicht ohne Folgen. In einer aktuellen Untersuchung der Universität Graz, in der sich immerhin 90 Prozent der Befragten als überdurchschnittlich erfahrene Internetnutzer bezeichneten, waren nur 25 Prozent über die Umsetzung von Barrierefreiheit im Bilde. Zugleich überschätzten sie den technischen und finanziellen Aufwand erheblich. Genau hier setzt die vorliegende Studie an. Erstmals wird ein umfassender Überblick zu den rechtlichen, (behinderten-)politischen und informationstechnischen Aspekten der Barrierefreiheit geleistet. Während viele aktuelle Publikationen entweder den moralischen Zeigefinger heben oder sich sehr dezidiert den technischen Spezialfällen zuwenden, bietet die Studie einen Ausblick auf die kommerziellen Chancen eines praxisorientierten barrierefreien Informationsdesigns. Dabei wird auch den neuen internationalen Zugänglichkeitsstandards (WCAG 2.0), die wahrscheinlich ab Mitte 2004 in Kraft treten, breiter Raum gegeben.

Die Untersuchung, die in ihrem Anhang alle 66 gesetzlichen Anforderungen auflistet und kommentiert, kommt am Ende zu einer Reihe von interessanten Schlussfolgerungen für kommerzielle Internetauftritte der so genannten „gewerbsmäßigen Anbieter“ wie es im Gesetzestext heißt:

Offenenkundig lässt sich nicht jede Website so gestalten, dass sie für alle Menschen - ob mit oder ohne Behinderungen - und unter allen denkbaren Umweltbedingungen zugänglich ist. Allerdings kann - den erforderlichen guten Willen vorausgesetzt - durchaus eine zunächst kleine Lösung die wichtigsten Barrieren aus dem Weg räumen. Der Umbau einer großen Webpräsenz gemäß der Zugänglichkeitsrichtlinien (WCAG 1. 0 oder 2.0) ist sicherlich eine Herausforderung, die sich nicht in kurzer Zeit realisieren lässt. Auch die Gestaltung einer neuen Website nach Zugänglichkeitskriterien erfordert zunächst einen höheren Aufwand an Konzeption und Realisation, der aber mittelfristig durch erhebliche Vorteile bei der Pflege, Reichweite und den Kosten eines Internetauftritts überkompensiert werden dürfte.

Angesichts der weiter zunehmenden Bedeutung von Suchmaschinen und Suchmaschinenmarketing ist ein Gedanke interessant, den der Leiter der HTML-Arbeitsgruppe des World Wide Web Konsortium (W3C), Steve Pemberton, bei einem Vortrag zum Thema Barrierefreiheit sinngemäß so formuliert hat: Jeder Internetnutzer hat einen “behinderten Freund”. Google! Denn die Suchmaschine ist blind und taub, sie spricht keine Sprache, ignoriert PopUps und mag keine Frames. Zugleich honoriert Google klare Strukturen und formal korrekte Auszeichnungen und berücksichtigt Meta-Informationen.

Barrierefreies Informationsdesign bedeutet also keineswegs Internet auf Krankenschein. Dennoch zeigt sich die private Wirtschaft noch eher skeptisch. Denn die Unternehmen sehen vor allem den Kostenfaktor. Solange sie nicht gesetzlich verpflichtet oder von den konkreten technischen und kommerziellen Vorteilen des barrierefreien/ standardkonformen Designs überzeugt sind, ist es unwahrscheinlich dass sie größere Anstrengungen zur Umsetzung der Zugänglichkeitsrichtlinien unternehmen. Es sei denn, dass sie auf Grund ihres Geschäftszwecks einem gewissen moralischen Druck oder einer gesellschaftlichen Erwartungshaltung ausgesetzt sind. Dies gilt sicherlich auch für viele gemeinnützige, karitative, kirchliche und verwandte Institutionen, die zum Teil schon begonnen haben barrierefreie Internetauftritte zu gestalten oder in Auftrag zu geben.

Darüber hinaus dürften sonst meist Grossunternehmen und Unternehmen mit einer speziellen Zielgruppe (Menschen mit Behinderungen, ältere Internetnutzer) ihre Angebote mittelfristig barrierefrei gestalten. Angesichts des unübersehbaren demographischen Trends keine schlechte Idee. Denn die größten Zuwachraten und eine beachtliche Kaufkraft im Internet repräsentiert die Generation 50 plus - also die Senioren. Und die scheitern im Web an ähnliche Hürden, wie Menschen mit Behinderungen: Zu kleine Schrift, zu geringe “Trefferfläche” bei Buttons und Links, verspielte Navigation, flimmernde Seiten ... Behinderte sind die Avantgarde einer alternden Gesellschaft - gerade im Internet lässt sich dieses Zitat besonders gut nachvollziehen.

Für die private Wirtschaft, die sich auch künftig wohl kaum auf eine gesetzlich verregelte Barrierefreiheit einlassen dürfte, muss das Leitbild die pragmatische, kundenorientierte Verbesserung der Zugänglichkeit sein. Die Herausforderung für Webdesigner besteht somit darin, die vorhandenen Zugänglichkeitskriterien sinnvoll und elegant zu integrieren, eine ergonomische und intuitive Oberfläche zu gestalten und diese mit (X)HTML und CSS so umzusetzen, dass diese auch für Menschen mit Behinderungen leicht benutzbar ist und medienneutral publiziert werden kann. Kurzum: Internetkompetenz und hochwertige Programmierung muss man nicht mit technischen Spielereien und aufwändigen Animationen unter Beweis stellen.

Die technischen Aspekte der Zugänglichkeit - Stichworte: standardkonformes Programmieren, tabellenfreies Design - werden künftig an Bedeutung gewinnen. Das Internet wird sich zunehmend vom Schreibtisch entfernen und sich immer weniger auf (großen, bunten) Monitoren abspielen. Ob als webbasiertes Navigationssystem im Auto, als Mehrwertdienst auf einem Handheld, als Informationssystem in einem digitalen Kiosksystem oder als reine Sprachausgabe. Die damit verbundenen Fragen der medienneutralen Publikation von einmal erstellten Webinhalten stellen sich im Geschäftsfeld Cross Media Publishing seit Jahren. Die Antwort, welche Dienste gewünscht sind, welche Plattformen sich durchsetzen, wird der Kunde, also der Markt geben. Die Erfahrungen aus diesem Bereich sollten dabei mehr als bisher in die Debatte um ein barrierefreies Web miteinbezogen werden.

Angesichts der rapiden technologischen Entwicklungen ist Barrierefreiheit/ Zugänglichkeit kein Zustand, sondern ein laufender Prozess der schrittweisen Optimierung. Dabei ist im jeweiligen Unternehmen zunächst ein ausreichendes Problembewusstsein erforderlich. Sodann eine ganzheitliche Herangehensweise. Zugänglichkeit ist nicht nur eine Programmieraufgabe. Marketing, Vertrieb, (Corporate) Design und in zunehmendem Masse auch Fragen der Software-Ergonomie müssen miteinbezogen werden. Auf jeden Fall lohnt es ich schon heute, die Kriterien der “Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung” (BITV) als Instrument der Qualitätsprüfung einzusetzen.

Wenn es Unternehmen nicht nur um Designfragen und die Demonstration technischer Leistungsfähigkeit im Internet geht, führt kein Weg an Frage der Zugänglichkeit vorbei. Eine Organisation, deren Geschäft die Übermittlung/ der Verkauf von Informationen ist oder die mit digitalen Transaktionen (eCommerce) erfolgreich sein will, muss sich mit standardkonformen Designrichtlinien auseinandersetzen. Wenn dabei als Nebeneffekt eine größere Zugänglichkeit für unterschiedliche technologische Plattformen, Nutzungssituationen oder ein Mehr an Barrierefreiheit herauskommt, ist das nur zu begrüßen.

Schließlich dürfte die breite Herangehensweise der Studie auch verdeutlicht haben, dass - jenseits von technischen und kommerziellen Überlegungen - Barrierefreiheit und Zugänglichkeit eine soziale Dimension haben. Für eine moderne Informationsgesellschaft muss es selbstverständlich sein, dass sie allen ihren Mitgliedern eine faire digitale Chance bietet. Ein Web, das die Schwächsten der Gesellschaft ausschließt, ist ein ärmeres Web.

Der vorliegende Beitrag wurde von Andreas K. Bittner verfasst. Er ist Autor der im Hightext-Verlag erschienenen Studie "Barrierefreies Internet - Chancen eines standardkonformen Informationsdesigns". Die Untersuchung richtet sich vor allem an kommerzielle Anbieter und beleuchtet Markt- und Marketingchancen eines standardkonformen Webdesigns.

Thema des Eintrags (Marketing, eCommerce)
Web-Optimierung
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