Der CIO – Verwalter oder Gestalter?

Autor:
  • Markus Michels
  • Johannes Pölzl
  veröffentlicht am 03 März 2005  
 
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Capgemini

Die Rolle des CIO ist im Wandel. War in den letzten Jahren der Aufstieg der IT-Leiter in die Geschäftsleitung zu verfolgen, so sehen sich heute immer mehr CIOs unter Druck: In Zeiten sinkender Budgets und wachsender Verantwortung stellt sich die Frage nach der Fokussierung auf einen Aufgabenbereich - grundsätzlich sind für den CIO hierbei eine technische oder strategische Ausrichtung denkbar.

Vom IT-Leiter zum CIO

Die wachsende Bedeutung der IT seit den sechziger Jahren erfolgte mit den einzelnen Wellen der technischen Entwicklung, die sich in den Organisationsstrukturen widerspiegelten: Die Einrichtung von Rechenzentren und später die Einführung integrierter ERP-Systeme erforderte technisch ausgerichtete Führungskompetenz, um die komplexen Probleme zu bewältigen. Die immer umfangreicheren Projekte mit immer größeren Teams und entsprechender Budgetverantwortung trugen zum Aufstieg der technischen Leiter (z.B. Rechenzentrumsleiter) in der Organisationshierarchie bei und führten zur Einführung der Rolle des CIO.

Die später entwickelte Fähigkeit der IT, mit zunehmender Integration ganze Geschäftsprozesse zu unterstützen, verändert die Aufgabe des CIO vom reinen Anbieter technologischer Dienstleistungen zum echten Business Partner, der durch Einsatz von IT die Wertschöpfung und das Geschäftsmodell nachhaltig mitbestimmt, z.B. durch Integration aller Geschäftsprozesse. Als CIO auf Vorstandsebene übernimmt der einstige IT-Leiter daher neben der Verantwortung für die Technologie im Unternehmen auch die Verantwortung für alle Prozesse sowie den strategischen Wertbeitrag der Informationsverarbeitung.

Die Entscheidungssituation des CIO - klein
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Das Ende des Aufstiegs

Mit dem Ende des eHypes erfolgte in vielen Unternehmen ein Umdenken, IT Projekte wurden kritisch überprüft, Budgets und Nutzenerwartung angepasst. Das Ansehen des CIO als Vorstandsmitglied muss sich angesichts geschrumpfter oder gar gestrichener IT-Projektbudgets behaupten, insbesondere dadurch, dass die IT Gesamtverantwortung intern häufig am CFO aufgehängt wird. Vom CIO wird wieder eine stärkere Fokussierung auf die technologische Kompetenz gefordert.

Gleichzeitig wird die Bereitstellung technologischer Dienstleistungen zunehmend an Dritte vergeben (Outsourcing), was den potenziellen Verantwortungsbereich primär auf die Steuerung von Dienstleistern reduziert.

Wissen statt Technologie gestalten

Mit der Integration der ERP-Systeme hat ein Wandel begonnen, der die erweiterten Möglichkeiten der Technologie widerspiegelt: aus der Umsetzung einzelner Unternehmensfunktionen wie Logistikkette, Buchhaltung oder Controlling entstand ein integriertes Abbild aller Unternehmensprozesse. Die IT spielte plötzlich nicht mehr nur die Rolle der punktuellen Unterstützung, sondern der Umsetzung des gesamten Kerngeschäftes über die gesamte Wertschöpfungskette (durch Integration aller Geschäftsprozesse).

Als typisches Beispiel dafür mag die Auswirkung des Sarbanes-Oxley Gesetzes gelten: Die regulatorischen Anforderungen an die Unternehmen beschränken sich nicht nur auf die Finanzströme, sondern schließen eine bewertende Betrachtung der IT-Systeme mit ein, da aus deren Qualität auf das Maß der Kontrolle des Unternehmens über die Geschäftsprozesse geschlossen wird.

Mit diesem Wandel wuchs der Entscheidungsbereich des CIO. Statt einzelner Projekte steht plötzlich die strategische Vision einer integrierten Architektur im Vordergrund, die Geschäftsprozesse maßgeblich unterstützt oder erst ermöglicht. Der Fokus der IT richtet sich von der technologischen Ausrichtung auf das gesamte Wissen, wie die Geschäftsprozesse optimal umgesetzt und mit Hilfe von IT optimal ausgestaltet werden können. Konsequenterweise werden technologische Lösungen zur Umsetzung dieses Wissens wieder disponibel: Die zunehmende Diskussion um Outsourcing der letzten Jahre spiegelt diese Entwicklung wider. Unternehmen haben erkannt, dass der Wert ihrer Unterstützungssysteme nicht nur in der Wahl der Technologie liegt, sondern in der Art, wie diese Technologie benutzt wird, um das Kerngeschäft integriert abzubilden. Dafür bedarf es einer Rolle (CIO), die über die rein technologische Betrachtung von IT hinweg insbesondere den Geschäftsnutzen der Information sieht. Diese neue Rolle des CIO ist eine Management-Rolle und damit klar gegen die technische Rolle des CTO abgrenzbar.

Die Entscheidung des CIO

Als Ergebnis dieser Entwicklung stehen viele CIOs heute in einem Spannungsfeld.

Einerseits wird verlangt, die technische Infrastruktur effizient bereitzustellen und gegenüber dem Markt konkurrenzfähig zu halten, andererseits wird erwartet, die Unternehmensstrategie durch Prozesse zu unterstützen, die ein intensives Verständnis des gesamten Geschäftsmodells voraussetzen.

Die zwei Rollen des CIO - klein
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Die Rolle des Bereitstellers von Technologie

Unverändert bleibt der Anspruch an die Technik, dass sie zuverlässig, effektiv und effizient funktionieren soll. Eine Fokussierung des CIO auf die Bereitstellung technischer Systeme bedingt eine konsequente Ausrichtung auf Projekte zur Effizienzsteigerung von IT, Partnermanagement, Bereitstellung entsprechender Dienstleistungen, Pflege von Service Level Agreements sowie eine kontinuierliche Anpassung der Technologie an neue Entwicklungen. Ausgeprägtes IT-Controlling, Innovation Screening und klares Portfoliomanagement sind dabei die bevorzugten Managementinstrumente, die ein hohes technisches Verständnis erfordern.

Die Rolle des Geschäftsgestalters

Die wachsende Rolle der IT als strategischer Business Partners führt zu mehr Verantwortung des CIO über die Gestaltung des Kerngeschäfts. Durch die Abbildung und Unterstützung aller Geschäftsprozesse gewinnt die IT an strategischem Wert für das Unternehmen. Die operativen Aufgaben des CIO zielen auf Definition und Weiterentwicklung dieser Geschäftsprozesse, sind stärker managementorientiert und müssen die Profitabilität des gesamten Unternehmens im Blick haben. Die Aufgabe der IT Strategie wird zur Definition des IT Beitrags zum Geschäftsmodell. Legt die Unternehmensstrategie fest, was getan werden soll, muss die IT Strategie folgen und definieren, wie dieses Ziel erreicht bzw. Zielerreichung unterstützt werden soll. Die Implikationen reichen deutlich über die Technologie hinaus und umfassen Prozesse und organisatorische Entscheidungen. Der CIO nimmt die Rolle des Gestalters des Kerngeschäftsmodells wahr, und in diesem Selbstverständnis werden von ihm die Entwicklung und Umsetzung innovativer Maßnahmen zur Umsetzung des Geschäftsmodells gefordert.

Die Herausforderung beider Rollen

Mit diesen zwei unterschiedlichen Aspekten seiner Position steht der CIO in den Zeiten sinkender IT Budgets einer großen Herausforderung gegenüber: Er muss sicherstellen, dass beide Rollen im Unternehmen gelebt werden und dabei seine eigene Positionierung im aufgezeigten Spannungsfeld gestalten. Die Entscheidung zur Fokussierung auf entweder den einen oder den anderen Aspekt seiner Rolle kann dem CIO helfen, seine Position klarer zu definieren und entsprechende organisatorische Rahmenbedingungen für die Managementaufgaben aufzubauen.

Die Positionierung der CIO-Rolle - klein
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Die zukünftige Rolle des CIO

Welche Rolle der CIO in seinem Unternehmen stärker wahrnehmen wird und welchen Schwerpunkt er setzt, ob „Bereitsteller von Technologie“ oder „Geschäftsgestalter“, hängt maßgeblich von zwei Dimensionen ab: Vom eigenen Qualifikationsprofil, dem bisherigen Erfahrungsspektrum und seinen Managementinteressen einerseits, andererseits vom Stellenwert, den die IT in der Wertschöpfung des Unternehmens allgemein spielen kann.

In Unternehmen, zu deren Kerngeschäft die IT nur einen indirekten Wertbeitrag leistet, kann es sich für den CIO, der sich selbst im Bereich des Geschäftsmodells als Gestalter positionieren will, empfehlen, eine eigene Rolle für die technische Leitung einzurichten – auch mit der Perspektive, IT Bereitstellung als externe Dienstleistung auszugliedern oder extern einzukaufen. Soll die CIO-Rolle stärker auf Bereitstellung von IT abzielen, sollte der CIO die Verantwortung für die Geschäftsgestaltung an andere Vorstandsressorts abgeben und entsprechende Schnittstellen schaffen, um die Bereitstellung von IT Dienstleistungen effizient zu organisieren.

In Branchen mit einem traditionell starken Wertbeitrag der IT wie z. B. in der Telekommunikationsbranche hat der CIO eine stärkere Position durch die Verknüpfung des Geschäftsmodells mit den technologischen Voraussetzungen. CIOs mit einem klaren Fokus auf die Entwicklung dieses Geschäftsmodells haben die Chance, diese Aufgabe mit zunehmenden technischen Möglichkeiten in wesentlich umfangreicherem Maße wahrzunehmen, und die Rolle des technisch fokussierten Managers als weitere Vorstandsrolle zu etablieren.

Dementsprechend bietet sich in diesen Branchen dem technologisch orientierten CIO eben diese Möglichkeit, sich selbst stärker als Bereitsteller von IT auf Vorstandsebene einzubringen und die Geschäftsgestaltung in einem weiteren Vorstandsressort zu bündeln (z.B. CFO).

Um den Anforderungen der Zukunft gerecht zu werden, wird in den Unternehmen beides gebraucht – effizientes Management interner Dienstleistungen und ein innovativer Umgang mit Wissen. CIOs heute können entscheiden, in welche Richtung sie ihre Position entwickeln möchten – und sie können diese Entwicklung aktiv gestalten.

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