Micropayments – ganz schön sexy

Autor: Redaktion ECIN  veröffentlicht am 20 September 2001  

Viele Micropayment-Anbieter gingen bereits vor einigen Jahren mit ihren Produkten an den Markt, doch erst in letzter Zeit erlebt das Geschäft mit dem Kleingeld eine regelrechte Renaissance. Denn immer mehr Web-Angebote sind auf der Suche nach neuen Refinanzierungsmodellen abseits der herkömmlichen Online-Werbung.

Klassische Zahlungsmethoden wie Rechnung, Nachnahme, Lastschrift oder Kreditkarte stoßen jedoch schnell an ihre Grenzen, da mit ihnen eine wirtschaftliche Abrechnung von kleinen Beträgen nicht möglich ist. Genau in die Nische „unter 20 DM“ zielen die Anbieter von Micropayment-Systemen. Dem Endverbraucher wollen sie eine unkomplizierte, sichere und anonyme Abrechnung häufig via Telefonrechnung ermöglichen. Händler bzw. Content-Anbieter wird wiederum versprochen, auf jeden Fall für ihre Dienste entlohnt zu werden und nicht mit Rückbuchungen bzw. Scherzbestellungen kämpfen zu müssen. Doch wer sich momentan auf der Suche nach einer geeigneten Abrechnungsmethode befindet, hat die Qual der Wahl. Für ein wenig Licht im Dschungel der momentan am Markt befindlichen Micropayments soll die folgende Aufstellung sorgen:


Trusted Third Party: Firstgate click&buy

Einen mehr als gelungenen Start im Bereich des Micropayments konnte click&buy von Firstgate hinlegen. So gelang es dem jungen Unternehmen bereits im ersten Jahr (Start im Juli 2000) mehr als 100.000 Kunden vom System zu überzeugen und sich registrieren zu lassen. Laut dem Firstgate-Gründer und Vorstandsvorsitzenden Norbert Stangl kommen jeden Tag mehr als 1.000 Neukunden hinzu. Auch die Liste der mehr als 1.700 Unternehmen, die das Abrechnungssystem einsetzen, kann sich sehen lassen. Darunter befinden sich so namhafte Kunden wie die Stiftung Warentest, n-tv, RTL, Deutsche Post, Heise Verlag (c´t und iX), AutoScout24, Eurotax-Schwacke, IDG Verlag, Quoka Verlag, Time-Life, Auto-Motor-Sport und UNICEF.

Bei click&buy werden providerunabhängig Kleinbeträge entweder per Lastschrift oder Kreditkarte bezahlt. Der Einsatz einer speziellen Software ist nicht notwendig. Der Nutzer muß sich jedoch zunächst einmalig kostenlos bei Firstgate registrieren und dem Unternehmen eine Einzugsermächtigung erteilen. Nutzt er dann ein Angebot per click&buy, werden die anfallenden Beträge auf einem Kundenkonto gespeichert und einmal pro Monat eingezogen. Zusätzliche Kosten entstehen hier nicht.

Der Anbieter muss hingegen ein einmaliges Anmeldeentgelt in Höhe von 25 Euro sowie einen monatlichen Grundpreis von 5 Euro entrichten. Darin enthalten ist neben der Bereitstellung des Dienstes der Internetsupport, der u.a. Bonitätsprüfung und Scoring des Endkunden enthält. Darüber hinaus werden Provisionen für Firstgate fällig, die sich anhand der erzielten monatlichen Umsätze errechnen. Bei Umsätzen bis 50 Euro beträgt die Provision 40 Prozent und sinkt bei Umsätzen zwischen 501-5.000 Euro auf 30 Prozent des Umsatzes, bei Werten darüber sind die Konditionen frei verhandelbar.

Die Einrichtung eines kostenpflichtigen Angebots ist recht unkompliziert. Es wird einfach der entsprechende Link gegen einen speziellen click&buy-Link ausgetauscht und die gewünschte Bepreisung in der Systemsteuerung von Firstgate festgelegt. Ruft nun ein registrierter Nutzer das Angebot ab, zieht Firstgate den entsprechenden Rechnungsbetrag ein. Im monatlichen Abstand werden die erwirtschafteten Umsätze überwiesen.

Hier können Sie sich ein Demo zu Firstgate anschauen.

Firstgate profitiert dabei auch von einer sehr großzügigen Finanzierung. Nach eigenen Angaben sollen in der Endausbaustufe mehr als 40 Mio. DM für die Entwicklung der rein internetbasierten Software- und Datenbank-Technologie und ca. 200 Mio. DM für die europaweite Expansion von Firstgate click&buy budgetiert sein

Spezielle Verbindungen: net900
"In Deutschland entscheidet die Telekom oftmals, wohin der Markt gehen wird. Dass die Telekom sich für net900 entschieden hat, bestätigt unseren Weg." Damit ist auch gleichzeitig der stärkste Partner der Micropayment-Lösung des Mönchengladbacher Unternehmens In-Medias-Res genannt.

Auf der Kundenliste stehen Unternehmen wie BILD Online, Stiftung Warentest, Deutsche Post AG, ZDF oder Wohnidee. Insgesamt kann auf ca. 200 Online-Angeboten mit der herkömmlichen net900 Variante bezahlt werden.

Um das System nutzen zu können, muss sich der Kunde die entsprechende net900-Software auf seinen Rechner installieren. Beim Besuch eines kostenpflichtigen Bereichs einer Website wird nach der Bestätigung der Kostenübernahme die bestehende Internet-Verbindung unterbrochen und der Nutzer automatisch mit dem Netz von net900 verbunden. Eine Gebührenanzeige zeigt dem Nutzer während dieses Vorgangs die Dauer und den jeweiligen Preis an. Nach Verlassen des kostenpflichtigen Bereichs wird die alte Internetverbindung wieder aufgebaut. Die Kosten werden bei net900 mit der nächsten Telefonrechung erhoben. Seit Dezember letzten Jahres ist auch die Abrechnung von Internetangeboten über eine identifizierte Kontoverbindung möglich, dann werden die Beträge über Bankeinzug abgerechnet.

Um net900 zu nutzen, schließt der Content Provider einen Vertrag mit einem net900 Anbieter (z.B. Deutsche Telekom) ab. Dieser beinhaltet eine einmalige Einrichtungsgebühr und monatliche Grundgebühren. Dann kann der Content-Provider flexible Tarife zwischen DM 0,29 und DM 4,99 pro Minute und DM 0,29 und DM 25 pro Click auswählen.

Der Vorteil des „klassischen“ net900 liegt vor allen Dingen darin, dass keine sensiblen Daten wie Kontoinformationen übertragen werden müssen. Allerdings kann diese Variante nur via Modem bzw. ISDN-Verbindungen genutzt werden und eine Nutzung über Provider, die zwangsläufig die eigene Seite als Startseite vorgeben (AOL, freenet) ist ebenfalls nicht möglich. Dagegen kann net900 Kontopass auch im LAN bzw. via DSL genutzt werden.

Auch bei net900 sind die vom Händler verlangten Provisionen alles andere als niedrig: Neben einer Einrichtungsgebühr in Höhe von 75DM und monatlichen Gebühren von 7,50 DM werden pro Transaktion Provisionen von bis zu 50 Prozent fällig.



TAN per 0190: infin MicroPayment
Eine weitere Möglichkeit zum Bezahlen von Kleinstbeträgen via Internet liefert infin MicroPayment der gleichnamigen Münchener Ingenieur-Gesellschaft. Dabei arbeitet das System mit einer 0190-Rufnummer und verzichtet sowohl auf die Übermittlung sensibler Daten als auch auf die zwangsweise Installation zusätzlicher Software.

Um infin MicroPayment zu nutzen, ruft der Käufer eine speziell tarifierte 0190 Telefonnummer an, über die er eine einmalig gültige Transaktionsnummer (TAN) erhält. Nachdem der Nutzer diese TAN in das entsprechende Eingabefeld auf der Website eingegeben hat, kann er den kostenpflichtigen Inhalt abrufen. Die anfallenden Beträge werden wie bei 0190er Nummern üblich über die Telefonrechnung abgerechnet. Zusätzlich zu den Kosten für das gewünschte Produkt/Inhalt werden für das Telefonat 24 Pfennig pro Minute fällig.

Das System funktioniert zwar unabhängig von der Art des Internetzugangs (Modem, DSL, LAN etc.), jedoch sind Nutzer mit nur einer freien Leitung gezwungen, ihre momentane Internet-Sitzung zu unterbrechen, um an die notwendige TAN zu gelangen und sich danach wieder neu ins Internet einzuwählen.

Bislang ist die Verbreitung von infin MicroPayment noch gering. Doch hat man es - im Gegensatz zu Firstgate - auch nicht auf eine möglichst breite Kundenbasis abgesehen, sondern will laut Unternehmensinformation die Big Player der Branche von der eigenen Lösung überzeugen. Erotik-Angebote sollen außen vor bleiben. Bis dato gehören u.a. n-tv und die Stiftung Warentest zu den Kunden. So gibt es bei infin auch noch keine feste Preistabelle. Je nach Implementierungs- und Beratungs-Umfang fallen zurzeit monatliche Kosten zwischen 50 und 250 Euro an.


TAN und 0190: Eops-Call / eops Connector
Auch die Düsseldorfer Firma Electronic Online Payment Systems AG (eops) ist auf dem Markt für Micropayment-Lösungen tätig. Neben dem „eops-Connector“, der von der Funktionsweise ähnlich wie net900 arbeitet, bietet man mit „eops-Call“ eine Lösung für Kunden, die nicht via Modem oder ISDN im Internet unterwegs sind.

Entscheidet sich der Kunde für das eops-Call Verfahren, klickt er auf der entsprechenden Anbieterseite den implementierten Link an. Das System zeigt ihm dann eine dynamisch generierte Transaktionsnummer (TAN) und eine dem Preis entsprechende Rufnummer an. Der Kunde ruft die angezeigte Telefonnummer an und gibt nach Aufforderung durch den Sprachcomputer die TAN ein. Bei richtiger Eingabe wird der Kunde anschließend aufgefordert, mit der Maus erneut auf den eops-Call Button zu klicken. Das Telefonat ist damit abgeschlossen und er gelangt zum kostenpflichtigen Content, bzw. hat ein Produkt aus dem Warenkorb bezahlt. Laut Unternehmensangaben setzen bereits mehrere hundert Anbieter das Micropayment-Verfahren ein. Während bei der „pay per minute“-Variante keine monatlichen Gebühren anfallen, wird für die Nutzung des „pay per click/call“-Verfahrens eine monatliche Gebühr von 99,- DM erhoben. Welchen Prozentsatz der Anbieter am Ende des Monats tatsächlich erhält, hängt auch hier stark von Bepreisung und Umsatz ab. Die Spanne kann bei der Nutzung des Komplettangebots zwischen 6,2% und 81,8 Prozent liegen.



Vermarktet werden diese Produkte auch unter der Bezeichnung X-Diver. Welche Anbietergruppe hier angesprochen werden soll, ist durch einen Hinweis für „interessierte Webmaster“ leicht zu erkennen: „Sie betreiben bereits eine Seite, welche sich durch Werbung oder Einnahmen von Jugendschutzsystemen finanziert. Schaffen Sie einen zusätzlichen kostenpflichtigen Bereich auf Ihren Seiten. Steigern Sie Ihre Umsätze mit dem X-Diver System. Das ist so einfach, dass auch ungeübte Webmaster dies realisieren können.“


0190 ohne TAN: Phone Connect
Neben einigen klassischen Telefondialern bietet die EBS AG mit Phone Connect eine weitere neue Micropayment-Variante an. Phone Connect ermöglicht die anonyme Abrechnung von im Internet angebotenen Inhalten unabhängig vom Internetzugang und ein Download von Dialersoftware ist auch nicht notwendig. Klingt so, als gäbe es diese Möglichkeit schon lange. Jedoch nur insofern, dass bisher der Zugang nur über die telefonische Abfrage eines Zugangscodes möglich war. Der direkte Zugriff via Telefon, das mit dem Server kommuniziert, ist laut EBS neu.

Will der User ein kostenpflichtiges Angebot nutzen, so muss er eine dynamisch für ihn generierte 0190-Servicenummer über eine freie Telefonleitung (Festnetz oder Mobil) anrufen. Sobald die Verbindung steht und der Gebührenzähler läuft, bekommt der User automatisch Zugang zu den gewünschten kostenpflichtigen Angeboten. Die Nutzung des gebührenpflichtigen Inhalts endet wiederum mit dem Auflegen des Telefonhörers. Gleichermaßen sollen auch Einmalzahlungen für Kino- oder Konzertkarten abgewickelt werden. Für die Anbieter von Dienstleistungen oder Waren verspricht man bei der EBS-AG je nach Bedarf individuelle Lösungen zu erstellt. Eigenen Angaben zufolge konnte man bereits über 500 Anbieter von der Einbindung der Phone Connect-Software überzeugen. Dies nicht zuletzt aufgrund einer recht unkomplizierten Handhabung und der Tatsache, dass keine Einrichtungs- bzw. monatlichen Grundgebühren anfallen.


Wer wird sich durchsetzen?
Diese Liste könnte noch eine ganze Weile fortgeführt werden. Darüber hinaus buhlen auch Prepaid-Karten (siehe ECIN-Artikel) und mobile Zahlungssysteme um Micropayment-Marktanteile. Allein durch Datenbankrecherchen, Dokumenten-Downloads oder das Herunterladen von Musik kann sich zurzeit jedoch kaum ein Anbieter mit Hilfe dieser Bezahl-Systeme refinanzieren.

Die Erotik-Branche nimmt noch immer eine dominierende Marktposition ein. Doch nach und nach migrieren diese Zahlungssysteme immer stärker in den „zivilen Bereich“. Dabei ist momentan noch kein eindeutiger Markführer auszumachen. Zwar scheint Firstgate – nicht zuletzt aufgrund hoher Werbetätigkeiten – zumindest im "Non-Erotik-Bereich" die Nase leicht vorn zu haben, doch auch mit net900, die mit der Deutschen Telekom den wohl mächtigsten Fürsprecher besitzen, ist zu rechnen. Für fast alle erdenklichen technischen und auch persönlichen Voraussetzungen gibt es mittlerweile die entsprechende Lösung. Noch ist es jedoch zu früh, um einen eindeutigen Sieger auszumachen.

Thema des Eintrags (Marketing, eCommerce)
  • E-Commerce
  • E-Payment