B2B-Umsätze: Wo laufen sie denn? 31.08.2000 | Artikel drucken
Verwirrend - so lässt sich die Situation angesichts der Vielzahl von Prognosen und Studien im E-Commerce zutreffend kennzeichnen. Einigkeit scheint bei Analysten und Marktforschern lediglich in einem Punkt zu bestehen: B2B ist der Bereich mit den besten Zukunftsaussichten.
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Die Pleiten im B2C bestätigen den Trend - oder? Schwarz-Weiß-Malerei hilft hier nicht weiter, erst ein genauerer Blick auf das Zahlenmaterial bewahrt vor voreiligen Schlussfolgerungen.
Die vorgelegten Prognosen zur Entwicklung des B2B sagen ein enormes Wachstum voraus. Dass von "dramatischen" oder "aggressiven" Wachstumsraten gesprochen wird, ist keine Seltenheit. Dementsprechend geht es um Zahlen mit vielen Nullen; die Billionen-Dollar-Grenze im globalen E-Commerce zwischen Unternehmen wird nach AMR Research 2002 erreicht. Erst, könnte man sagen, denn die Gartner Group geht für das Jahr 2002 schon von Umsätzen in Höhe von 2,18 Bill. US$ im B2B weltweit aus. Vergleichsweise magere 800 Mrd. US$ sieht IDC im gleichen Jahr erreicht. 2004 sind die Unterschiede dann noch deutlicher: 2,2 Bill. US$ bei IDC, 5,7 Bill. US$ bei AMR und 7,29 Bill. US$ bei der Gartner Group. Exponentielle Wachstumsraten im B2B, dass lässt sich einfach aus den Statistiken ableiten.
Wie kommen aber die Unterschiede in den Umsatzprognosen zustande? Gut fünf Billionen US$ sind schließlich kein Pappenstiel. Die üblichen Schwierigkeiten bei der Definition dessen, was zu den Umsätzen zu zählen ist, tragen dazu bei. Was ist z.B. mit EDI? Experten gehen davon aus, dass rund die Hälfte aller EDI-Transaktionen in absehbarer Zukunft über das Internet laufen kann. 1999 waren allerdings lediglich 10 Prozent des EDI-Verkehrs wirklich ‚net-based'. Dennoch werden diese Umsätze häufig in die Prognosen mit einbezogen. Die Boston Consulting Group sagt für 2003 einen B2B-Umsatz von mehr als 2 Bill. US$ voraus, dabei sollen knapp 800 Millionen aus Einkäufen stammen, die via EDI abgewickelt werden.
Wie immer ist aber auch in diesen Fällen nicht ohne Bedeutung, wer von der optimistischen Prognose profitiert. Während IDC nach eigenen Angaben vorrangig darauf baut, wie viel die Unternehmen in die Entwicklung ihrer E-Commerce Strategien investieren, bezieht z.B. die Gartner Group auch die Erfahrungen der Klienten mit ein. Dass hier das Pendel nach der B2C-Euphorie der letzten Jahre nun zur anderen Seite ausschlägt, verwundert wenig. Prägend für den B2B-Bereich soll dabei ein Schneeball-Effekt sein: halbherzige Einstiege sind eher selten, die Dimensionen betreffen häufig ganze Unternehmen und darüber hinaus Zulieferketten.
Dass der B2C-Bereich bei weitem nicht tot ist, belegen zahlreiche Prognosen. IDC geht davon aus, dass im Jahr 2000 der Anteil des B2C am globalen E-Commerce bei 22 Prozent liegt. Er sinkt bis 2004 auf 12 Prozent. So sind zwar die Wachstumsraten gegenüber dem B2B geringer, aber dennoch ist ein Zuwachs deutlich erkennbar.
Erstaunlich homogen zeigen sich die Prognosen für den B2B-Umsatz in Europa. Durlacher und Forrester kommen zu nahezu identischen Vorhersagen. IDC (mit knapp 400 Mrd. US$ in 2003) und Gartner (mit 2,34 Bill. US$ in 2004) liegen allerdings deutlich darunter bzw. darüber.
Verengt man die Perspektive allerdings auf Deutschland, zeigt sich wiederum eine Vielfalt unterschiedlicher Zahlen. Für das Jahr 2000 legt die Boston Consulting Group mit 177 Mrd. Euro eine starke Prognose vor. Die 65 Mrd. DM von eco für 2001 und die 75 Mrd. DM des IDW für 2002 erscheinen vor diesem Hintergrund eher verhalten. Optimistisch zeigt sich auch Forrester, mit 1,08 Bill. DM für 2004 reklamieren sie einen beachtlichen Anteil des B2B-Commerce für Deutschland. Die Berechnungen von Berlecon - auf der Grundlage von Analysen von Goldman Sachs für die USA - resultieren in zwei Szenarien. In der optimistischen Schätzung wird eine einjährige Entwicklungsverzögerung von Deutschland gegenüber den USA angenommen, das konservative Szenario geht von einer zweijährigen Verzögerung aus. Dabei werden alle elektronisch abgewickelten Transaktionen, sowohl über das Internet als auch über sonstige elektronische Systeme mit einbezogen.
Gegenwärtig von besonderem Interesse sind die eMarketplaces. Hier sollen die Unternehmen einen großen Teil ihrer Transaktionen durchführen. Viel Aufmerksamkeit finden dabei die Konsortien, die mit ihrer geballten Marktmacht die Vorteile des elektronischen Geschäftsverkehrs realisieren wollen.
Es ist mittlerweile klar, dass im B2B-Commerce nicht nur einzelne Unternehmen sich als Ein- oder Verkäufer präsentieren. Es geht auch darum, viele Anbieter und Nachfrager zusammenzubringen, mit dem Ziel, die Produktionskosten zu senken. Auf der anderen Seite stehen die Effizienzsteigerungen, die durch bessere Zusammenarbeit über die ganze Wertschöpfungskette hinweg realisiert werden können. Was dabei allerdings im Einzelnen als "Marktplatz" bezeichnet wird, differiert häufig. In einer Metastudie zum B2B-Commerce unterscheidet eMarketer drei Typen des Online-Austauschs zwischen Unternehmen, je nach Marktplatzbetreiber als "Third-party Exchange", "Consortia-led Exchange" und "Privat/Proprietary Exchange". Der Anteil des gesamten B2B-Volumens, der auf sogenannte ‚öffentliche' Marktplätze entfällt, soll nach den Berechnungen von eMarketer bei 34 Prozent im Jahr 2004 liegen.
IDC unterscheidet im B2B zwischen ‚eDistribution', ‚eProcurement' und ‚eMarketplaces'. Die Analysten gehen hier davon aus, dass das Wachstum der drei Bereiche unterschiedlich stark sein wird. ‚eDistribution' kann zwar in den Jahren 1999 und 2000 den größten Anteil des B2B-Umsatzes für sich verbuchen, wird aber 2004 nur noch 21,4 Prozent erreichen. Der ‚eProcurement'-Bereich wird schneller wachsen, da die bereits existierenden EDI-Systeme in den nächsten Jahren zunehmend in das Internet migrieren, 2004 liegt der Anteil dennoch nur bei 23,6 Prozent. Nach Einschätzung von IDC begrenzen rein praktische Limits das Wachstum in diesen beiden Bereichen: nur eine verhältnismäßig kleinere Zahl von Unternehmen ist in der Lage, die hohen Investitionen für diese firmeneigenen Lösungen aufzubringen. Für die meisten kleinen und mittleren Unternehmen bietet sich eher ein Engagement im Rahmen von ‚eMarketplaces' an. Vor diesem Hintergrund erklären sich die 40,1 Prozent des weltweiten B2B-Commerce, die nach Angaben von IDC 2004 über Marktplätze abgewickelt werden.
Auch in Deutschland sagen die Analysten und Marktforscher den Marktplätzen eine rosige Zukunft voraus. Das Volumen soll nach Forrester 2005 rund 270 Mrd. Euro betragen. Allerdings werden sich in dieser Sichtweise mittelfristig in Europa nur 50 Angebote etablieren können. Angesichts der Vielzahl der Neugründungen in diesem Bereich ist auch die Boston Consulting Group skeptisch, was die Überlebenschancen betrifft. Von den 80 Marktplätzen, die bisher als Start-ups gegründet wurden, seien lediglich zwei Drittel in der Lage, allein das nötige Transaktionsvolumen auf sich zu ziehen. Die derzeit sicherlich umfassendeste Studie zum deutschen Markt von Berlecon zeigt hinsichtlich der Anzahl möglicher ‚Überlebender' ein differenzierteres Bild. Je nach Szenario teilen sich zwischen 361 und 721 Akteure den Markt. Dennoch: nicht nur diejenigen, die einen Marktplatz planen, sollten ihre Chancen realistisch einschätzen. Auch Unternehmen, die auf der Suche nach geeigneten Partnern für den B2B-Commerce sind, müssen Businesspläne und Umsatzerwartungen genau prüfen. Es gilt schließlich, auch längerfristig auf das richtige Pferd zu setzen.