Kategorie: Spotlight Erstellt am Mittwoch, 22. Mai 2002 02:00
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Spotlight | Mai 2002
Peer-to-Peer: Ende der Umsonst-Kultur?
Die einen klagen über entgangene Einnahmen, andere können das brachliegende Kapital förmlich riechen. P2P-Lösungen regen insbesondere die Phantasie von Medienhändlern an, wie nicht zuletzt das nimmermüde Napster-Engagement des Gütersloher Bertelsmann Konzerns beweist.
Mehr als 80 Millionen US$ soll Bertelsmann Experten zufolge bereits in die Arbeitsgruppe Peer-to-Peer investiert haben, die unter dem Namen Napster und am Rande der Legalität dereinst weit über 30 Millionen User in ihren Bann zog. Aus der Mehrheitsbeteiligung ist Ende der vergangenen Woche und nach einigem Hin und Her inzwischen eine vollständige Übernahme geworden, die von den Güterslohern mit der Bereitstellung von weiteren 8 Millionen US$ zur Deckung von Gläubigerinteressen honoriert wurde.
Daran, dass sich die getätigten Investitionen in absehbarer Zeit auszahlen werden, hegt der Medienriese nicht die geringsten Zweifel. So erklärt Joel Klein, Chairman und CEO von Bertelsmann Inc. USA: Wir haben uns dem Ziel verpflichtet, Künstlern die besten Distributionsmöglichkeiten für ihre Musik und den Verbrauchern eine größere Auswahl sowie Flexibilität in der Handhabung anzubieten. Die Schaffung neuer Geschäftsmodelle ist nie einfach, aber Napster wird in vorderster Reihe dabei sein, wenn es um die Entwicklung von Geschäftsmodellen geht, die das Copyright respektieren, die Künstler gerecht entlohnen und den Verbrauchern echte Unterhaltungswerte bieten. Peer-to-Peer ist eine Technologie, die viel verändern wird. Wie genau das dann in der Praxis aussehen soll, bleibt zunächst der Phantasie des Betrachters überlassen. Denn seit rund einem Jahr liegt das Angebot auf Eis und ein Termin für die Wiederbelebung von Napster ist ebenfalls bislang noch nicht in Sicht.
Die Vorstellungen eines anderen Filesharing-Dienstes zur Generierung von Umsätzen sind da schon weitaus konkreter. So basteln die Betreiber von KaZaA in Kooperation mit Altnet gleich an mehreren Varianten. So soll zum einen über den Einsatz einer Software namens Digital Dashboard Anbietern von Inhalten die Möglichkeit eingeräumt werden, selbst über die kostenfreie bzw. pflichtige Verbreitung ihrer Inhalte zu wachen. Zum anderen sollen Nutzer die Möglichkeit erhalten, verfügbare Rechenleistung und Bandbreite temporär über das Netz anzubieten und hierfür im Austausch wiederum Güter und Dienste zu erhalten. Eine dritte Option, die weil ungefragt über die KaZaA-Software mitinstalliert unter den Nutzern bereits für einigen Unmut sorgte, ist die bereits praktizierte Nutzung von Keyword-Advertising, bei denen von Werbetreibenden gebuchte Suchbegriffe die Spitzenpositionen bei den Suchtreffern einnehmen. Schnell verbreitete sich hier unter den Nutzern der Verdacht der "Spionage".
Unter den Marktforschern gibt es eher unterschiedliche Auffassungen über die Erfolgsaussichten kostenpflichtiger P2P-Angebote. Den größten Optimismus verbreitet hierbei noch Mummert + Partner, die in einer aktuellen Umfrage zu digitalen Gütern bei immerhin 50% der Nutzer die Bereitschaft zum legalen Softwareerwerb über das Web ausgemacht haben wollen. Bei Musik und Kommunikationsangeboten wie SMS signalisiert demnach noch ein Drittel Zahlungsbereitschaft. Allerdings gaben auch 21% der Befragten an, dass sie lediglich am kostenlosen Erwerb interessiert seien. Und genau diese schleichende Gefahr einer dauerhaften Etablierung der Freifahrer-Mentalität nimmt Jupiter MMXI zum Anlass, insbesondere die Musikindustrie zu großer Eile zu ermahnen. Neben der Eindämmung der Piraterie solle die Plattenindustrie attraktive Alternativen zum grauen Markt anbieten, die eine Bezahlung rechtfertigen. Mark Mulligan, Autor eines entsprechenden Reports, betont: Bezahldienste werden so lange ein Dasein als Nischenangebote fristen, bis sie mit einem umfassenden inhaltlichen Angebot aufwarten können, durch das auf dem grauen Markt erhältliche Alternativen ihren Reiz verlieren.
Der Schlüssel für den Erfolg von kommerziellen P2P-Angeboten liegt demnach also in einem erkennbaren Mehrwert für den Nutzer gegenüber den nach wie vor zahlreich vorhandenen halblegalen Wettbewerbern. So urteilt auch Marc Ziegler von der Unternehmensberatung Diebold: Es reicht nicht aus, an einen digitalen Inhalt, der vorher umsonst war, ein Preisschild zu kleben. Seiner Auffassung nach hat sich die Umsonst-Kultur ohnehin schon so stark etabliert, dass es zunehmend schwerer wird, größere Umsätze über die Digitalisierung der Medien zu erzielen: Im digitalen Umfeld verliert ein Produkt allein schon durch die Möglichkeit der Vervielfältigung seinen ursprünglichen Wert. Der Akzent für das Geschäft verlagere sich dementsprechend auch stärker auf das Handling rund um die Inhalte. So Ziegler weiter: Dabei wird der Zugang zu den Inhalten immer wichtiger werden, nicht der Besitz. Schon ab 2006 würden Infologistiker wie zum Beispiel Mobilfunkbetreiber das entscheidende Bindeglied in der Beziehung von Medienunternehmen zum Konsumenten sein.
Und - alternativ bzw. parallel zu den Mobilfunkbetreibern - dann ja vielleicht doch auch wieder - Napster
Autor: Ralf Koyro
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