Kategorie: Spotlight Erstellt am Mittwoch, 29. Mai 2002 02:00
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Spotlight | Mai 2002
eBay vs. Amazon: Der Traum vom Mega-Marktplatz
Wettbewerb durch Annäherung. So verschieden die Geschäftsmodelle der eTailing-Giganten ursprünglich auch gewesen sein mögen: Beide Unternehmen wandeln inzwischen auf ähnlichen Pfaden und blicken mit erkennbarem Interesse auf die Erfolgsfaktoren des respektierten Nachbarn.
Bereits seit Wochen und Monaten übertreffen sich eBay und Amazon mit der Integration neuer Services, Features und Angebote. Auffällig hierbei: In der Regel handelt es sich um Veränderungen, die sich vom eigentlichen Kerngeschäft wegbewegen und den Weg für neue Nischen und Geschäftszweige öffnen. So agiert eBay etwa längst nicht mehr ausschließlich über seine amerikanische Tochter half.com im Festpreisgeschäft, sondern hat nach Einführung des Sofort-kaufen-Buttons inzwischen auf internationaler Ebene zunehmend Festpreis-Angebote auf den eigenen Seiten etabliert. Vor allem Händler sollen dazu bewegt werden, die attraktive Community des Online-Auktionsportals zu nutzen, um als so genannte Power-Seller komplette und vollständig in die eBay-Struktur integrierte eShops zu unterhalten. Die Kraft dieser Verkäufer ergibt sich dabei nicht nur aus der Verkaufsfrequenz, sondern vor allem auch aus deren Fähigkeit, erfolgreich im hochpreisigen Produktbereich zu operieren. So hat eBay in den USA erst in diesem Monat in Zusammenarbeit mit einem Konsortium von Eigenheim-Herstellern eine neue Rubrik namens New Homes kreiert, die neben dem Erwerb von Immobilien auch noch in Planung oder Bau befindliche Objekte offeriert. Geschäftsfelder wie diese vermitteln einen vagen Eindruck davon, in welchen Dimensionen die Exekutive des Unternehmens derzeit denkt, wenn CEO Meg Whitman die ehrgeizigen Umsatzerwartungen bis 2005 bei einem Volumen von 3 Milliarden US$ ansetzt und hierfür ein Transaktionsvolumen von 30-40 Milliarden US$ zugrunde legt. Mit dem beschaulichen und unterhaltsamen P2P-Flohmarktmodell, das den frühen Ruhm eBays begründete, hat das nicht mehr viel gemein.
Auch bei der Mutter aller eShops Amazon setzt man zunehmend auf die Third-Party-Schiene. Getrieben von der Erkenntnis, längst nicht mehr jedes Geschäft alleine abwickeln zu müssen, bietet man den guten Namen der eigenen Website inzwischen zunehmend externen Anbietern an und lässt sich hierfür durch Werbung und Provisionen entlohnen. Relativ eng am Stammgeschäft befand man sich dabei noch bei der Einführung des Marketplace, auf dem in den USA seit November 2000 Privatpersonen und Händler gebrauchte Artikel aus allen Verkaufsrubriken anbieten können. Hierzulande besteht dieser Service seit März dieses Jahres, wobei Amazon für die Dienstleistung eine Abschlussgebühr von einem Euro sowie eine Provision in Höhe von 15% einstreicht. Und eben genau bei 15% liegt jenseits des Atlantiks inzwischen der Anteil an gebrauchten Gütern im Verhältnis zur Gesamtzahl der verkauften Produkte.
In dieser Woche drang nun an die Öffentlichkeit, dass sich der eTailer noch einen Schritt weiter vorwagt. In einer Betaphase bietet das Unternehmen seinen Nutzern aktuell Einsicht in elektronische Produktkataloge unterschiedlichster Anbieter, und das sowohl im Bereich B2C als auch B2B. So stehen gegenwärtig u.a. die Produktkataloge der Möbelanbieter French Country Living und Garnet Hill, der Juweliere Cartier und Tiffany oder auch des Schaufenster-Deko Anbieters Display Warehouse sowie des Sensortechnik-Anbieters Imaging & Sensing Technology Corp. online. Nutzer haben die Möglichkeit, die Kataloge durchzugehen und telefonisch Bestellungen aufzugeben. Während der Betaphase ist der Service für beide Seiten kostenlos. Eher experimentellen Charakter hat ein regionales Angebot, mit dem sich Nutzer in mehreren amerikanischen Metropolen Einblick in die Speisekarten verschiedener Restaurants verschaffen und bei Gefallen anschließend dort ihren Platz ordern können.
Alle genannten Aktivitäten scheinen in die gleiche Richtung zu zielen: Sowohl eBay als auch Amazon streben eine Entwicklung hin zu einem multifunktionalen Megamarktplatz für Konsumenten an. Ganz gleich, was ein Nutzer auch sucht, egal, an welchem Ort oder in welcher Lebenssituation er sich befindet: Beide Anbieter positionieren sich als ideale Handelspartner in allen Lebenslagen. Und sei es auch nur über das Angebot von Drittanbietern. Die Idee soll etwas vom Charme und Touch des kleinen Ecklädchens beinhalten, das mit einer eingeschränkten Handelsfläche natürlich auch längst nicht alles selbst offerieren kann, dafür aber stets mit dem Verweis auf den kompetenten Nachbarladen aufwarten kann. Und mit diesem Prinzip langfristig Kunden gewinnt und bindet. Wenn Sie etwas auf unserer Seite auch nicht finden können, dann sorgen wir zumindest dafür, dass sie es auf einfache und bevorzugte Weise an anderer Stelle erhalten, erklärt entsprechend auch Amazon-Sprecherin Carrie Peters den Zusammenhang.
Indes ist die Idee eines Konsumenten-Marktplatzes ja so neu nun auch wieder nicht. Insbesondere Yahoo begreift dieses Segment bereits seit langem als seinen Kernbereich. Und dennoch dürfte das Engagement der beiden großen eCommerce-Player mittelfristig für neue Brisanz in diesem Segment sorgen. Ob Yahoo dabei der lachende Dritte werden kann, bleibt allerdings fraglich.
Autor: Ralf Koyro
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