Kategorie: Spotlight Erstellt am Mittwoch, 20. August 2003 02:00
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Spotlight | August 2003
Musik: Sind die Tauschbörsen am Ende?
Nachdem auf der Popkomm 2003 die letzten Lichter erloschen und die letzten Akkorde verklungen sind, liegt es nahe, Bilanz zu ziehen. Der Fokus richtet sich dabei vor allem auf das Thema Musik und Internet: Es geht um Fluch und Segen von digitalen Downloads.
Auch wenn die Musikbranche Gelegenheiten wie die Popkomm in erster Linie dazu benutzt, sich selbst zu feiern und der eher beschaulichen und biederen nationalen Szene ein wenig mehr Glamour zu verleihen, täuscht nichts über die ernüchternden Bilanzen der letzten Monate hinweg. So ist der Tonträgerabsatz hierzulande ohnehin schon seit längerem im freien Fall begriffen laut Aussage des Bundesverbands Phono von Januar bis Juli erneut um satte 16,3 Prozent eingebrochen. Allein bezogen auf CDs beträgt der Rückgang sogar mehr als 20 Prozent, wobei die Zahl der verkauften Silberlinge inzwischen auf 55,9 Millionen Exemplare geschrumpft ist. Folgt man dem Interessenverband, so gibt es für das Dilemma eine recht einfache Erklärung: Die ungebremste Zunahme massenhafter digitaler Musikkopien ist hierfür der Hauptgrund, erläutert Verbandschef Gerd Gebhard und ergänzt: Hinzu kommt die Wirtschaftslage am Rande der Rezession.
Nun ist diese Überzeugung nicht gerade neu und wird deshalb im Grunde alljährlich im Schatten des Kölner Domes gebetsmühlenartig wieder auf die Platte gebracht. Neu ist indes aber, dass die Branche aus ihrer Einsicht in diesem Jahr erstmals konkrete Handlungsschritte ableitet und diese dann wohl auch in einer absehbaren praktischen Umsetzung münden. Die Strategie lautet dabei offensichtlich: Einschüchtern und gleichzeitig Alternativen anbieten. D.h., zum einen sollen die Nutzer der üblichen P2P-Verdächtigen (Kazaa & Co.) mit Gewissensappellen sowie der Androhung strafrechtlicher Verfolgung zu einer Abkehr ihres Tun bewegt werden, zum anderen haben sich die relevanten Verlage (Majorlabels) auf alle wichtigen Rahmenbedingungen zur Bereitstellung eines eigenen, wettbewerbsfähigen Online-Angebots noch im Herbst dieses Jahres geeinigt.
Für die Einschüchterungsstrategie stellen die Phonoverbände dabei unter Pro-musicorg.de eine eigene Site online, die sich für alle Informationswilligen in Sachen digitaler Musik zu einer ersten Anlaufstelle entwickeln soll. Gleichzeitig ist eine Kampagne geplant, in der man über die Messaging-Funktionen der einschlägigen Anbieter direkt mit den Nutzern in Kontakt tritt. Diese werden dann freundlich und bestimmt darauf hingewiesen, dass man ihr Treiben sehr wohl registriert und welche Konsequenzen sich daraus ergeben könnten. Im Wortlaut sieht das dann auszugsweise etwa so aus: In Ihrem eigenen Interesse machen wir Sie darauf aufmerksam, dass unautorisierte Musikangebote im Internet gegen das Urheberrechtsgesetz verstoßen. Urheberrechtsverletzungen können sowohl Schadensersatzforderungen als auch strafrechtliche Sanktionen zur Folge haben. Wir fordern Sie dringend auf, die Musiktitel nicht Dritten zur Verfügung zu stellen.
Was das eigene Online-Angebot betrifft, so hat der beachtliche Markterfolg, den Apple in den USA mit einer vergleichbaren Lösung in kürzester Zeit erzielen konnte, die Phantasie unterschiedlichster Anbieter beflügelt. Gerd Gebhard sagte im Rahmen der Popkomm hierzu: Die deutsche Musikwirtschaft bietet ab Herbst ein umfangreiches Musikangebot zum Herunterladen aus dem Internet. Musikfirmen können über eine Tochterfirma des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft ihr Repertoire zur Verfügung stellen, das dann über die Webseiten von Onlinehändlern herunter geladen werden kann. Es ist das erste gemeinsame Angebot der Musikwirtschaft, das umfassend Musik von den Majors und Independents auf einer technischen Plattform präsentiert. Die technische Umsetzung erfolgt dabei durch die Telekom, während Phonoline so der Arbeitstitel nicht über eine eigene Website, sondern vielmehr über Drittanbieter wie RTL oder Viva vermarktet werden soll. Als Preisrange wird das Modell "0,99 Euro pro Track" favorisiert und eine Download-Rate von wöchentlich 500.000 Tracks wie sie Apple derzeit erzielt - erscheint den Betreibern auch für den hiesigen Markt als durchaus realistisch.
Da der Erfolg Apples nicht allein auf die große Zahl der bereitgestellten Titel, sondern vor allem auch auf die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten und die großzügige Rechtevergabe zurückgeführt wird, fühlen sich von der Thematik auch Lösungsanbieter in besonderer Weise angesprochen. So will beispielsweise das Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS das Podium der in der kommenden Woche startenden IFA 2003 in Berlin nutzen, um seinerseits das Light Weight Digital Rights Management LWDRM zu präsentieren. Diese Entwicklung ermögliche es Anbietern digitaler Multimediainhalte, Verletzungen des Copyrights aufzudecken, andererseits mache es den Verbrauchern den Umgang mit den Medien einfach. So umfasse das System mehrere Profile, die unterschiedliche Möglichkeiten eröffnen, Mediendaten zu nutzen: Es gebe ein Profil, das lediglich für die Wiedergabe geeignet sei, andere gestatteten es dagegen, Inhalte zu erzeugen und weiter zu verteilen. Einen wichtigen Faktor bei dieser Lösung stellt die Integration einer digitalen Signatur dar.
Nachdem das deutlich radikalere Vorgehen des Interessenverbandes RIAA in den USA zuletzt immer stärker in die Diskussion geraten ist, weil hier z.T. auch kleinere private Nutzer unverhältnismäßig streng angegangen und kriminalisiert wurden, darf man auf den Erfolg des deutschen Weges gespannt sein. Es steht sicher außer Frage, dass die verstärkte Nutzung von Tauschbörsen ihren Teil zu den enttäuschenden Marktzahlen der Musikindustrie beiträgt. Ob sie es jedoch in dem enormen Ausmaß tut, der von den Interessenvertretern der Musikbranche heute angenommen wird, erscheint eher fraglich. Denn schließlich bleibt ja festzuhalten, dass es durchaus Künstler am Markt gibt, die sich als krisensicher erweisen und mitunter beträchtliche Verkaufszahlen vorweisen können. Bestes Beispiel hierzulande ist dafür Herbert Grönemeyer und sein letztes Album Mensch. Insofern könnten Krise und Umsatzrückgang natürlich auch einfach nur eine Folge mangelnder Qualität und/oder eines schlechten Preis-Leistungsverhältnisses sein. Aber es wäre wohl vermessen zu erwarten, dass eine Branche, die nahezu pausenlos Superstars und Pop-Ikonen produziert, Zeit an solche Gedankengänge verschwendet.
Autor: Ralf Koyro
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