eCommerce & Europa: Der Stand der Dinge

  • Tobias Arndt
Updated

Wer sein Online-Geschäft in ganz Europa betreiben möchte, steht vor einigen Problemen. Nicht nur, dass man mit verschiedenen Sprachen, kulturellen Eigenheiten und Gesetzen kämpfen muss, auch was die eigentliche Internet-Nutzung in Europa betrifft, gibt es noch enorme Unterschiede.

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In einer Studie von Anfang 2000 bezifferte IDC die Nutzerzahlen in Europa für diesen Zeitpunkt auf ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Nur fünf Prozent von ihnen haben aber laut Quelle bereits eine Bestellung über das Web abgegeben. Insgesamt waren im Sommer 2000 nach Pro Active ein gutes Drittel, 34,1 Prozent, der Bevölkerung angeschlossen. Das macht in absoluten Zahlen 107,8 Millionen.

Nutzer in Prozent

Ein Problem, vor dem Europa steht, ist eine Digital Divide auf geographischer Ebene: Das Nord-Süd-Gefälle ist im Internet besonders stark ausgeprägt. Während Spitzenreiter Schweden - Stockholm ist die am besten vernetzte Stadt der Welt - 60 (IDC) bzw. 65 (Pro Active) Prozent Anschlussrate vorweisen kann, sind es beim Schlusslicht Portugal gerade mal 11,4 Prozent. Die Zahlen bezüglich Internetshopping lauten: In Schweden haben bereits ein Viertel im Web eingekauft, in Portugal hingegen weniger als 1 Prozent.

Nutzer in Zahlen

Einen umfassenden Einblick in die demografische Segmentierung erlaubt eine Studie von Pro Active, die auch für Europa zu eher voraussehbaren Ergebnissen kommt: Online-Nutzer und Online-Shopper sind in der frühen Phase in der Mehrheit Männer um die 30 mit überdurchschnittlichem Einkommen und überdurchschnittlich guter Ausbildung. Pro Active beziffert den Frauenanteil im Frühsommer 2000 auf etwa 36 Prozent mit steigender Tendenz. In Puncto Online-Shopping zeichnet sich in der Studie noch nicht der in den USA deutliche Trend ab (siehe Kapitel Geschlechter), wonach Frauen mittelfristig auch online für mehr als zwei Drittel der gesamten Einzelhandelsumsätze verantwortlich sein werden. Die schnellste Gleichstellung der Geschlechter wird Großbritannien vorlegen: Dort werden sich die Zahlen schneller an amerikanische Verhältnisse angleichen: Das Handels- und Industrieministerium prognostiziert bis zum Ende 2000 eine Gleichverteilung der Geschlechter. Dann, so die Regierungsstelle, loggen sich 7,6 Millionen Britinnen regelmäßig ein. Der typische britische Webshopper war bisher Anfang dreißig und männlich, am Ende des Jahres sagt die Studie eine "Geschlechtsumwandlung" und eine Verjüngung auf Mitte Ende zwanzig voraus.

Tabelle
Grössere Ansicht

Pro Active analysierte, dass Bezieher hoher Einkommen 4,5 -mal häufiger ins Web gehen und sogar 5,5 -mal häufiger einkaufen als Schlechterverdienende. 46 Prozent der Besserverdienenden nutzen das Internet regelmäßig. 18 Prozent haben bereits Bestellungen aufgegeben. Im Gegensatz dazu steht die unterste Einkommensgruppe: 10 Prozent surfen und nur 3,3 Prozent kaufen. Die Altersverteilung ist ebenfalls nicht für eine Überraschung zu gebrauchen: Die höchste Konzentration findet sich unter den 25- bis 34-jährigen. Die Gruppe 55 und älter ist am geringsten vertreten. Allerdings holt sie allgemein am schnellsten auf und auch Kinder und Teenager erhalten zunehmend Anschlüsse, so dass auch dieses Bild als Übergangserscheinung gewertet werden darf.

Interessant ist das Zusammenwirken von Alter und Einkommen. Laut Pro Active spielt Einkommen in Puncto Online-Zugang mit zunehmendem Alter eine größere Rolle. Unter den über 55-jährigen Männern sind es nur 1 Prozent aus der unteren Einkommensgruppe, dafür aber 30 Prozent aus der oberen. Bei den unter 25-jährigen Männern sind 57 Prozent der Besserverdienenden und immerhin über 31 Prozent der Schlechterverdienenden vernetzt.

Net Value nahm die Besucherzahlen auf B2C-Websites unter die Lupe. Ganz oben auf der Liste landete Großbritannien mit 69 Prozent, gefolgt von Frankreich mit 66,3 Prozent und Deutschland mit 65,5 Prozent der Internetnutzer, die Shoppingsites besuchen. Jupiter geht davon aus, dass im Jahr 2005 85 Millionen Europäer online einkaufen - mehr als eine Vervierfachung von 20 Millionen im Jahr 2000. Musik und Bücher liegen laut Net Value bei 31 Prozent immer noch auf Platz 1. 21 Prozent interessieren sich für Hardware, 20 Prozent für Reisen und 17 Prozent für Shopping Malls. Finanzdienstleistungen liegen mit 15,7 Prozent im Kurs.

Und wer wird im Online-Einzelhandel den Ton angeben? Traditionelle Händler mit Internetfiliale, so die Antwort von Forrester. Sie werden 75 Prozent des Marktvolumens abwickeln. Die übrigen 25 Prozent teilen sich Dotcoms, die allerdings grenzübergreifende Strategien für paneuropäische Geschäfte entwickeln müssen. Dabei wird die Einführung des Euro als Barzahlungsmittel 2002 eine große Hilfe und Unterstützung darstellen. Jupiter sieht eine weitere Reifung des Marktes auf der Ebene der Produktpaletten. Mehr und mehr werden sich, so die Marktforscher, auch weniger internetaffine und teure Waren durchsetzen.

Im Schlaglicht: westeuropäische Länder

Von 700.000 Firmengründungen in Großbritannien im vergangenen Jahr lassen sich mehr als die Hälfte der IT-Branche zuordnen, analysiert die Business Week. 3,5 Prozent am Bruttoinlandsprodukt werden dort bereits für die Informationstechnologie ausgegeben. Im Vergleich: In Deutschland sind es gerade mal 2,6 Prozent und in Frankreich nur 2,5 Prozent. Diese Entwicklung soll 2000 auch zu einem höheren Wirtschaftswachstum insgesamt, vier anstatt drei Prozent, als in den anderen EU-Ländern führen. Auch in Puncto Risikokapital haben britische Unternehmen die Nase vorn. Sie konnten 1999 ganze 3,5 Milliarden am Gesamtkuchen von 10 Milliarden für sich reklamieren. Banken spielen ebenfalls eine positive Rolle: Sie gaben im dritten Quartal 1999 an britische Technologie-Firmen 342 Millionen US-Dollar in Deutschland waren es im Vergleichszeitraum nur 125 Millionen und in Schweden erstaunlicherweise nur 20 Millionen. Angesichts dieser Zahlen vollzieht Großbritannien als erste große europäische Volkswirtschaft die Umwandlung in die technologiebasierte New Economy, so Business Week. Und noch ein Faktor spielt eine zentrale Rolle: Der britische Staat unterstützt die Entwicklung nachhaltiger als anderswo in Europa: Als erstes Land hatte das UK einen Staatssekretär für Electronic Commerce. Entsprechend sehen auch die Prognosen für den elektronischen Geschäftsverkehr aus. NOP Research Group geht von einem Gesamtvolumen des britischen Electronic Commerce von 10 Milliarden Pfund (15,9 Milliarden US-Dollar) für das Jahr 2000 aus. Das ergibt im Vergleich zu 1999 eine Verdreifachung (von 3,2 Milliarden Pfund). Merrill Lynch nahm Zahlen für 2002 ins Visier. Dann sieht die Marktforschung Gesamterlöse von 47,6 Milliarden US-Dollar, wobei zwei Drittel über B2B und ein Drittel über B2C zustande kommen werden. Fletcher Research, die UK-Tochter von Forrester, sieht die Umsätze im B2C für 2000 bei 2,6 Milliarden US-Dollar. Bis 2005 wird diese Zahl nach ihren Projektionen auf 30,7 Milliarden ansteigen. In relativen Zahlen sieht das Wachstum folgendermaßen aus: Aus 0,25 Prozent Online-Anteil am Einzelhandel in 1999 werden 7,5 Prozent im Jahr 2005. Motor der Wachstumszahlen wird vor allem der leichtere und schnellere Zugang ins Internet durch alle Arten neuer Technologien, vor allem aber mobile Geräte sein.

Gut 10 Millionen Online-Anwender - die potenziellen Internetshopper - verzeichnete Großbritannien im Jahr 2000 . Genau auf 10 Millionen kam eine Studie von MMXI Europe vom Juni 2000. Eine Untersuchung von Which? Online sah die Zahlen im Juli bei 13 Millionen. Die Nutzungsintensität beziffert MMXI auf fünf Stunden im Monat. Laut Which? Online haben bereits sechs Millionen Nutzer - etwas weniger als die Hälfte - im Internet eingekauft. Ein Viertel bestellt regelmäßig im Web und etwa fünf Prozent haben bereits Lebensmittel geordert.

Irland: Technologie ist grün

Irland erlebte in den vergangenen Jahren das stärkste Wirtschaftswachstum seiner Geschichte. Das Land zieht internationale Firmen gleich reihenweise an. Das liegt nicht nur an den niedrigen Unternehmenssteuersätzen, sondern auch an seiner Doppelrolle: Irland ist das einzige englischsprachige Land im Euroverbund. Amerikanische Internet- und Technologiefirmen, die den europäischen Binnenmarkt in Angriff nehmen, entscheiden sich daher eher für Irland als für Großbritannien als Standort. Bestes Beispiel ist Microsoft.

Im März 2000 meldete Amarach Consulting, dass Nutzerzahlen in Irland seit Oktober 1999 um ein Drittel von 444.000 auf 592.000 angestiegen sind. Damit waren über 22 Prozent der erwachsenen Bevölkerung im Web. Für B2C Electronic Commerce sieht Amarach Consulting in einer separaten Studie "E-Commerce 2000" allerdings schlechte Ausgangsbedingungen: zu geringes Angebot auf dem eigenen Markt sowie geringe Akzeptanz und Nutzung von Kreditkarten. Nur ein Drittel der Internetnutzer verfügen über eine Kreditkarte. Folglich machten bis April 2000 nur 10 Prozent der irischen Online-Gemeinde von Internet-Shopping Gebrauch. Daraus entstehen im Jahr 2000 Umsätze in Höhe von gerade mal 38 Millionen US-Dollar, die bis 2002 auf wenig spektakuläre 736 Millionen ansteigen. Den Markt für B2B schätzen die Auguren von Amarach Consulting dann auf 2,6 Milliarden US-Dollar.

Italien: der Lichtblick im südlichen Europa

Die Grenze des europäischen Nord-Süd-Gefälles verläuft direkt durch Italien. Daher bewegt sich das Land in Puncto Internet und Electronic Commerce eher im europäischen Mittelfeld. Im Mai 2000 verfügten etwa 10,7 Millionen Italiener über einen Internetzugang. Die Studie von Between ICT Brokers sieht bis Ende 2001 ein Wachstum um weitere 50 Prozent auf dann 15,3 Millionen. Zur Nutzungsintensität: 5,6 Millionen Italiener nutzen das Web mindestens einmal in der Woche. Ebenfalls sieht die Studie einen Anstieg im weniger entwickelten Süden, beziffert diesen hingegen nicht genau.


Schweden: das glänzende Nordlicht

Schweden hat in Puncto Internet-Nutzung und B2C Electronic Commerce in Europa ganz klar die Spitzenreiterrolle inne. Gleich drei Studien von Anfang 2000 belegen diese Aussage eindrucksvoll. Die Marktforschung Sifo Interactive nahm Nutzer und Nutzungsintensität unter die Lupe: 3,47 Millionen Schweden oder 39 Prozent gingen im Januar 2000 für durchschnittlich 9 Stunden ins Web. Davon führten 1,3 Millionen irgendeine Form von wirtschaftlicher Handlungaus. Das schwedische Forschungsinstitut für Einzelhandel und Großhandel (HUI) sieht Schweden an der Spitze für Online-Brokerdienste. Schwedische Investoren haben nach Berechnungen der Studie bereits ein Drittel aller Wertpapiertransaktionen online abgewickelt. Als Dritte im Bunde sieht die schwedische Handelsorganisation zuversichtlich in Richtung des Online-Einzelhandels. Starkes Wachstum - lautet ihre Prognose.


Norwegen - die Nummer zwei wächst weiter

Norwegen bleibt Spitzenreiter Schweden dicht auf den Fersen. 2,2 Millionen Norweger oder genau 50 Prozent meldete im März 2000 Norsk Gallup. 66 Prozent der erwachsenen Männer und 56 Prozent der Frauen waren "drin". Jeden Tag gingen demnach in Norwegen 1 Million Bürger ins Web. Zwei Drittel davon von zu Hauses aus. Norsk Gallup sieht auch weiterhin ein stetiges Wachstum.

Belgien: 2 Millionen online

Belgien darf eher als Spätzünder in der Entwicklung betrachtet werden. Dafür holt das Land mit schnellen Schritten auf. Internetzugänge ohne Grundgebühren sowie Projekte mit Breitbandanschluss über Fernsehkabel schaffen attraktive Angebote. Im Februar 2000 sorgte eine Studie der belgischen Marktforschung In Sites für Furore, die die Zahl der Internetnutzer auf bereits zwei Millionen bezifferte und damit alle bis dahin angestellten Schätzungen bei weitem übertraf. Außerdem bescheinigt die Studie eine hohe Aufgeschlossenheit gegenüber Internetshopping: 27 Prozent der belgischen Online-Nutzer machten von den Angeboten Gebrauch. Demnach machten 460.000 Belgier im Web Bestellungen. Sie orderten am liebsten Bücher, CDs und Software und gaben dabei im Mittel knapp 5000 belgische Franc, das sind 115 US-Dollar aus. 42 Prozent der Online-Käufer sind mit den Service-Leistungen von Online-Händlern vollauf zufrieden. Das größte Hemmnis auch in Belgien: Drei Viertel sind immer noch nicht bereit, ihre Kreditkartendaten über das Internet zu übermitteln.

Frankreich

Frankreich hatte beim Internet einen schlechten Start. Zu lange beharrten Verantwortliche in Regierung und Wirtschaft auf dem nationalen Online-Systeme Minitel. Seitdem dieses endgültig aus dem Rennen ist, holt unser Nachbar mit Riesenschritten auf. Davon zeugen 47 Prozent Wachstum bei den Internetnutzerzahlen von 1999 auf 2000 - in Großbritannien waren es nur 22 Prozent und in Deutschland 33 Prozent, so eine Untersuchung von NOP Research. Allerdings hat Frankreich den Anschluss im Electronic Commerce noch nicht ganz gefunden. In dem Halbjahr vor April 2000 kauften gerade mal 700.000 Franzosen im Web ein. Nur ein Drittel im Vergleich zu Großbritannien und Deutschland. Eine Studie von Taylor Nelson Sofres sieht die Zahlen geringfügig höher. 840.000 und damit 14 Prozent der französischen Surfer haben laut dieser Quelle bereits eingekauft und im Halbjahr vor Februar 2000 etwa eine Milliarde Franc (158 Millionen US-Dollar) ausgegeben. Onlineshopper sind noch in der Mehrzahl Männer über 35 und zählen zu den Besserverdienenden.

Deutschland, der europäische Riese

In Europa führt kein Weg an Deutschland vorbei. Die größte Volkswirtschaft wird sich, so die meisten Prognosen, auch im Internet durchsetzen. Allerdings kann von einer Vorreiterrolle keinesfalls die Rede sein. Was Nutzerzahlen gemessen an der Gesamtbevölkerung anbelangt, liegt Deutschland eher im unteren Bereich. Die fünfte Welle des Online-Monitor der GfK ging im Frühjahr von 15,9 Millionen oder etwa einem Viertel der Gesamtbevölkerung aus, wobei 24,3 Millionen Deutsche theoretisch über einen Online-Zugang verfügten. Eine Untersuchung des Stern, die etwa zeitgleich mit der GfK publiziert wurde, kam auf deutlich niedrigere Werte. Demnach waren 11 Millionen 14- bis 64-Jährige im Web. MMXI Europe nahm die Zahlen der Heim-User unter die Lupe: Zwischen November 1999 und März 2000 verdoppelte sich diese Gruppe von 4,2 auf 8,4 Millionen. Internetnutzer, die von zu Hause aus ins Web gehen, wird im Allgemeinen eine höhere Nutzungsintensität und mehr Aktivität im Electronic Commerce unterstellt.

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