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Skandal Cyberslacking? Privates Surfen kostet Milliarden
25.08.2000 | Artikel drucken

Exponentiell ansteigende Internet-Umsätze bringen die Wirtschaft in Verzückung. Doch das Internet wird in den Firmen nicht nur zum Geschäftemachen genutzt - sondern auch zunehmend für private Zwecke. Von Schäden in dreistelliger Milliardenhöhe ist die Rede. Und von dringend nötigen Kontrollmechanismen.

104 Milliarden DM sollen der deutschen Wirtschaft jährlich durch die private Internet-Nutzung am Arbeitsplatz verloren gehen. Dieses Ergebnis fördert eine Studie im Auftrag des Düsseldorfer Softwarehauses Sterling Commerce zu Tage. Mehr als 60 Prozent aller Arbeitnehmer mit Netzzugang nutzen selbigen mindestens einmal täglich für Privatangelegenheiten. Um den Aktienkurs der Firma zu checken, an der er beteiligt ist, um Bestellungen zu erledigen, für die nach der Arbeit keine Zeit mehr sind - oder um die neueste Version des Moorhuhn-Spiels herunterzuladen. Allein dafür, so die Studie, würden Kosten von 135 Millionen DM zu Buche schlagen. Pro Mitarbeiter kämen so durchschnittlich 17 Tage Arbeitsausfall zusammen.

Ein Skandal? Gewiss. Bereits seit längerer Zeit wird laut über eine Besteuerung der privaten Internet-Nutzung im Betrieb nachgedacht. Schließlich stelle diese einen geldwerten Vorteil für die Mitarbeiter dar. Roland Ebert-Weglehner von Sterling Commerce warnt Unternehmen vor der "schleichenden Kostenlawine", deren Dimensionen sich angesichts zunehmender Motive für eine private Internet-Nutzung schon innerhalb eines Jahres verdoppeln könnten. Und Gegenmaßnahmen seien schwer durchzusetzen, beklagt Wilfried Heinrich, Geschäftsführer der Agentur "Denkfabrik", die die Untersuchung im Auftrag von Sterling Commerce durchführte. Einen Tipp hat er dennoch auf Lager: Zumindest kleine und mittlere Unternehmen könnten durch die Einrichtung separater Internet-Arbeitsplätze die soziale Kontrolle erhöhen.

Weltweit ist das Problem bereits seit längerer Zeit unter dem Stichwort "Cyberslacking" bekannt. Untersuchungen von Greenfield Online, Red Sheriff oder Yankelovich Partners Inc. wiesen mit nahezu identischen Zahlen wie Sterling Commerce auf Zeit- und Produktivitätsverluste hin, die durch die private Internet-Nutzung verursacht würden. Auch in Übersee wird versucht, den Privat-Surfern das Handwerk zu legen. IDC sagte schon im vergangenen Jahr voraus, dass bis 2001 rund 80 Prozent aller amerikanischen Großunternehmen spezielle Software zur Kontrolle der Internet-Nutzung ihrer Mitarbeiter einsetzen werden.

Nun hat "Big Brother" mit (produktivitätssteigernder) Vertrauensbildung und Mitarbeitermotivation mit solcherlei Maßnahmen allerdings eher wenig zu tun. Und bei aller gesamtwirtschaftlicher Bedeutung des Problems stellt sich für einzelne Unternehmen auch immer die Frage, ob Aufwand und Nutzen bei der Einführung von Kontrollsystemen in einem gesunden Verhältnis stehen. Oft kann da eine offene Unternehmenspolitik, die Mitarbeitern die Grenzen - und auch die Möglichkeiten - der persönlichen Internet-Nutzung deutlich macht, die kostengünstigere und ethisch weniger bedenkliche Alternative sein.

Dass man hierüber geteilter Meinung sein kann, zeigen die zahlreichen Konferenzen und Debatten zum Thema Cyberslacking: Während die Hersteller der einschlägigen Software beschwören, dass dem Problem nur durch umfassende Kontrolle beizukommen sei, setzen viele Unternehmer und Berater inzwischen auf weniger drakonische Methoden. Nach Ansicht der American Management Association (AMA) sei es unter anderem sinnvoll, anstelle von Kontrollmechanismen Web-Blocker für bestimmte Sites einzurichten, verbindliche Regeln und Toleranzen zu beschließen, Mitarbeitern zu bestimmten Zeiten privates Surfen zu gestatten und die Verführung durch überflüssige Internet-Zugänge zu minimieren. "Es ist mächtiger als das Telefon, das Fernsehen und alles andere", meint der Psychologe David Greenfield - und fragt: "Würden Sie jedem Mitarbeiter einen Fernseher auf den Schreibtisch stellen?"

Über Anregungen und Kritik freut sich die Redaktion

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