Sehr viel Emotion und politische Brisanz prägen die aktuelle Offshoring-Debatte. Dabei unterscheiden sich öffentliche Wahrnehmung und faktische Bedeutung ganz erheblich. Ein sachlicher Umgang mit dem Thema ist daher notwendig. In der vorliegenden Studie wird das Offshoring-Phänomen analysiert, und die zu erwartenden Entwicklungen werden differenziert betrachtet, speziell aus deutscher Sicht.
Die Sorge um Arbeitsplatzverluste im großen Stil macht derzeit die Runde. Dass zunehmend auch Dienstleistungen aus Niedriglohnländern über große Distanzen hinweg über das so genannte Offshoring in die internationale Arbeitsteilung integriert werden, lässt zusätzliche Befürchtungen aufkommen. Diesseits wie jenseits des Atlantiks schlägt die Thematik inzwischen hohe Wellen: Offshoring bildet einen inhaltlichen Schwerpunkt im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf und hat eine neue Protektionismusdebatte losgetreten. Auch auf dem europäischen Kontinent hat man vorsorglich gefordert, Schutzwälle aufzubauen. Und in Deutschland hatten sich Teile der politischen Linken sogar kurzzeitig Patriotismus auf ihre Fahnen geschrieben, um zu verhindern, dass massenhaft Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden.
Was ist Offshoring?
Beim so genannten Offshoring verlagern Unternehmen Prozesse, vornehmlich IT- basierte Dienstleistungen, über große Distanzen in andere Staaten, oft in Billiglohnländer. Der Begriff stammt aus der Finanzökonomie, in der Offshore-Zentren Steueroasen bezeichnen, die mit niedrigen Steuersätzen und striktem Bankgeheimnis ausländische Anleger locken. Beim Offshoring spielen Regulierungsunterschiede aber eine nur sehr nachrangige Rolle. Primär werden Lohnkostenunterschiede im Dienstleitungssektor ausgenutzt. In der Regel handelt es sich um einfache Tätigkeiten wie z.B. Dateneingabe und -verarbeitung, Call Center- und Support-Dienstleistungen (HelpDesk) oder Prozesse, bei denen Versicherungsansprüche standardisiert bearbeitet werden. Aber auch anspruchsvollere Aufgaben wie Anwendungsentwicklung und -instandhaltung, oder die Auswertung von aus Europa stammenden Computer-Tomografien durch indische Radiologen, fallen unter Offshoring.
Offshoring-Typen
Oft werden diese Leistungen von externen Anbietern erbracht (Offshore-Outsourcing). Zwingend ist diese organisatorische Trennung jedoch nicht. Die Leistungen können auch aus dem Unternehmen heraus erbracht werden (Internal oder Captive Offshoring), beispielsweise in Form von Tochterunternehmen oder Unternehmenseinheiten im Ausland oder Joint Ventures sowie strategischen Allianzen. Captive Offshoring dürfte dabei sogar für zwei Drittel des weltweiten Offshoring-Volumens verantwortlich zeichnen. Das entscheidende Merkmal von Offshoring ist, dass die Leistungen im Ausland erstellt werden. Dass die Anbieter und Nachfrager auf unterschiedlichen Kontinenten sitzen, ist zwar die Regel. Indien als wichtigster Anbieter und die Vereinigten Staaten als größter Nachfrager prägen diese Vorstellung. Es gibt aber auch zahlreiche Ausnahmen. So wird die Kooperation mit Partnern auf demselben Kontinent auch als Nearshoring bezeichnet. Die osteuropäischen Beitrittsländer sowie Russland, aber z.T. auch Spanien und Portugal, fallen aus zentraleuropäischer Sicht hierunter.
Offshoring-Dimension: Herausforderung für Statistik
Zweifellos hat die Bedeutung des Offshoring seit Mitte der 90er Jahre deutlich zugenommen. Das genaue Ausmaß zu bestimmen, bereitet gleichwohl erhebliche Probleme, besonders auf internationalem Niveau.
- Für die meisten Industrieländer liegen zwar Daten zu Computer- und Informationsdiensten und geschäftsunterstützenden Dienstleistungen vor. Für viele Schwellenländer, allen voran Indien, werden diese Bereiche aber recht grob unter "andere geschäftsunterstützende Dienstleistungen" zusammengefasst.
- Außerdem kann Offshoring in sehr unterschiedlichen Formen auftreten, was es erheblich erschwert, die Ströme statistisch zu erfassen. Offshoring in Form von internationalem Outsourcing von Dienstleistungen fällt beispielsweise unter grenzüberschreitenden Handel. Falls ein Tochterunternehmen gegründet oder gekauft (mindestens 10%) oder ein Joint Venture eingegangen wird, liegt dagegen eine Direktinvestition im Ausland (FDI) vor. Zeitweise werden auch nur vorübergehend Arbeitskräfte ins Ausland entsandt, was je nach Institution nicht als grenzüberschreitender Vorgang gewertet wird.
- Schließlich kommt zu diesen allgemeinen Schwierigkeiten hinzu, dass Firmen z.T. unpräzise an die statistischen Ämter berichten, da die Definitionen im Dienstleistungssektor schwer verständlich oder die Liefermodalitäten unklar sind. Ganz besonders trifft das auf den IT-Bereich zu.
Insofern überraschen statistische Ungereimtheiten nicht, ihr Ausmaß kann dennoch erschrecken. Eine Untersuchung der OECD vergleicht Exportdaten Indiens mit den Importangaben der jeweiligen Handelspartner aus Nordamerika, der EU und Japan. Für den Bereich "Dienstleistungen" und "Dienstleitungen ohne Reise und Verkehr" können 75 bis 91 Prozent des von Indien ausgewiesen Handelsvolumens für die Jahre 2000 bis 2002 nicht über die entsprechenden Importangaben erklärt werden. Für den Bereich "Computer und Informationsdienstleistungen" sind es im selben Zeitraum sogar über 95%Prozent.
Offshoring-Dimension: Üppiges Geschäft weltweit und wachsend
Trotz dieser statistischen Unwägbarkeiten publizieren Forschungsinstitute und Beraterfirmen derzeit zahlreiche Schätzungen und Prognosen. Das globale Volumen des Offshoring-Marktes beläuft sich auf Größenordnungen zwischen USD 10 und 50 Mrd. (2003). Neben der diskutierten schlechten Datenlage zeichnen Abgrenzungsunterschiede bei den gehandelten Dienstleistungen und beobachteten Ländern für den breiten Korridor verantwortlich. Erstens reicht das Spektrum von Software-Exporten über Business Process Outsourcing (BPO) bis zu allen Exporten im Dienstleistungsbereich. Zweitens ergeben sich zwangsläufig viel höhere Werte, wenn entwickelte Länder wie Kanada, Irland oder Australien als Offshore-Standorte verstanden werden, als wenn man sich auf die reinen Niedriglohnländer beschränkt. Drittens basieren viele Prognosen auf Marktvolumina aus den Hochzeiten des IT- und Internetbooms und ignorieren teilweise die zyklischen Rückschläge dieses Segments. Einigkeit herrscht jedoch darüber, dass der Offshore-Outsourcing-Markt in Bewegung ist und dynamisch wächst. Zweistellige jährliche Wachstumsraten sind die Regel, und oft wird die 20%-Marke in den Prognosen übertroffen.
Die nächste Welle der Globalisierung
Die Verlagerung der Produktion in andere Länder ist nicht neu. Bereits in den 60er und 70er Jahren wurde Produktion aus dem Verarbeitenden Gewerbe im großen Umfang nach Japan verlagert. In den 80er und 90er Jahren verlegten die Industrieländer Teile ihrer Produktion nach Süd-Ost-Asien oder Lateinamerika, speziell in den Branchen Elektrotechnik und Maschinenbau. In der jüngeren Vergangenheit gewinnt China als Standort für das Verarbeitende Gewerbe immer mehr an Bedeutung. Neu dagegen ist, dass nun auch Dienstleistungen - und zwar nicht nur einfache Tätigkeiten - in anderen Ländern und auf anderen Kontinenten erstellt und von dort importiert werden.
Neue Eigenheiten der Dienstleistung
Der technische Fortschritt verändert die Natur der Dienstleistung. Für diesen strukturellen Bruch gibt es im Wesentlichen zwei Gründe:
- Zum einen erlaubt es die moderne IT, informationsintensive Dienstleistungen, wie etwa die Ergebnisse eines Großteils der Bürotätigkeiten, zu digitalisieren. So können sie ohne nennenswerten Aufwand gespeichert und kopiert werden.
- Zum zweiten ebnen die global vernetzten Datenleitungen den Weg, um digitale Güter global zu vertreiben. Selbst zwischen Industrieländern und den Emerging Markets sind die Kommunikationsleitungen inzwischen hinreichend stabil, um digitalisierte Güter international zu handeln. Vor dem digitalen Zeitalter waren Dienstleistungen durch das so genannte uno-actu-Prinzip gekennzeichnet. Sie waren zwingend am selben Ort und zeitlich simultan zu erstellen sowie zu verbrauchen. Zwar gibt es nach wie vor zahlreiche Dienstleistungen, bei denen der Kunde zum Anbieter kommen muss (z.B. Tourismus oder Behördendienste) bzw. der Produzent den Konsumenten aufsucht (etwa bei Reparaturen oder personenbezogenen Diensten). Allerdings nimmt der Anteil der Dienstleistungen immer stärker zu, bei denen der persönliche Kontakt zwischen Produzent und Konsument nicht mehr erforderlich ist (disembodied services). Das ebnet den Weg, die Wertschöpfung auch im Dienstleistungssektor global im Raum zu verteilen und die Kostenvorteile der günstigsten Standorte zu nutzen.