ECML – Der neue Stern am Business-Himmel

Betreiben Sie schon einen Shop im Internet? Wenn ja, haben Sie sich auch schon oft gefragt, warum so viel mehr Besucher dort sind als Käufer? Laut Jupiter Communications liegt das an den umständlichen Verfahren, die Käufer immer wieder dazu nötigen, Adresse, Kreditkartendaten und manchmal noch viel mehr einzutippen. Ein neuer Standard verspricht jetzt Abhilfe: ECML.

Vielleicht sind Sie auch schon tiefer in Ihre Besucherdaten eingedrungen und haben bemerkt, dass sehr viele Besucher eine Bestellung anfangen, um dann ohne erkennbaren Grund einfach Ihr virtuelles Geschäft wieder zu verlassen und im Internet woanders weiter zu schauen. Sie haben sich eventuell gedacht, dass irgend etwas mit Ihrem Shop nicht stimmt. Ist die Software defekt, oder ist da etwas, was den Kunden nicht gefällt?

So wie Ihnen geht es noch sehr vielen anderen Händlern; Sie sind mit diesem Problem bei weitem nicht allein. Eine vielzitierte Studie von Jupiter Communications vom Februar 1999 hat ergeben, dass tatsächlich 27 Prozent aller Online-Kunden den Bestellvorgang aus einem ganz bestimmten Grund abbrechen. Nicht, weil Sie technische Probleme haben. Auch nicht, weil ihnen der Shop plötzlich nicht mehr gefällt. Nein, sie haben es sich einfach anders überlegt, während sie damit beschäftigt waren, die langwierigen Formulare auszufüllen, die leider für den Bestellvorgang nötig sind. Sie haben sich informiert, haben Produkte in ihren virtuellen Warenkorb gelegt und haben schließlich auf den Bestellen-Button gedrückt. Danach werden allerlei Daten abgefragt: Name, Adresse, manchmal Telefonnummer, und dann… verdammt, wo ist die Kreditkarte? Denn von dieser müssen immer wieder dieselben Daten abgelesen und eingetippt werden: Name des Inhabers, Nummer, Verfallsdatum…

Der eine hat gerade die Karte nicht zur Hand, der andere bemerkt plötzlich, dass er gar keine Zeit mehr hat und der dritte schließlich überlegt sich seinen Spontankauf einfach noch einmal und lässt es lieber sein. Ist das nicht frustrierend? Wäre es nicht viel besser, wenn man dem Käufer die ganze Tipperei ersparen könnte und die Daten irgendwie automatisch übertragen würden?

Teilweise ist dieser Wunsch bereits jetzt Wirklichkeit. Es gibt ja sogenannte Wallets, elektronische Geldbörsen, die Kundendaten speichern und sie elektronisch an kompatible Händlersoftware senden können. Dies ist zum Beispiel beim Zahlungssystem SET der Fall. Falls Sie als Händler SET-zertifiziert sind, muss auch der Kunde sich die Mühe gemacht haben, ein SET-Wallet zu besorgen und eine kundige Bank zu finden, die das benötigte Zertifikat ausstellt und noch einen Händler zu finden. Aber: SET-Wallets beinhalten nur die Kreditkarten-Daten. Lieferanschrift etc. muss der Kunde auch weiterhin abtippen.

Die Lösung dieses Problems gibt es jetzt! Sie ist zwar noch neu und muss sich erst verbreiten, aber eine Allianz aus starken Partnern könnte diesmal dafür sorgen, dass sich der neue Standard etabliert. Die Lösung heißt Electronic Commerce Modeling Language, kurz ECML, und soll Ihren Kunden die lästige Tipparbeit abnehmen.

Getragen wird der Standard von den Initiatoren American Express, AOL, Brodia (ehemals Transactor Networks), Compaq, CyberCash, IBM, MasterCard, Microsoft, SETCo, Sun Microsystems,Trintech, und Visa.

Was ist ECML?
ECML ist ein Standard, um Formularfelder in HTML-Seiten zu benennen. Im Quellcode einer HTML-Seite wird nämlich jedem einzelnen Feld ein interner Name zugewiesen, der dann von der Software des Händlers ausgewertet wird. Bisher müssen Käufer, wie oben beschrieben, ihre Daten wieder und wieder eintippen, weil es keine standardisierte Bezeichnung der Formularfelder in Online-Shops gibt. So nennt denn der eine Programmierer das Feld für den Namen des Kreditkarteninhabers vielleicht name, der nächste nennt es Name und der nächste unterscheidet sogar in vorname und nachname. Daran ist bisher jeder Versuch einer allgemein funktionierenden Hilfssoftware für den Kunden gescheitert.

ECML nun ist ein Set von Definitionen, die für die in Online-Shops benötigten Formularfelder bestimmte Namen festlegt. Ein Beispiel: Im Falle des Namens des Kreditkarteninhabers müsste das Feld Ecom_Payment_Card_Name heißen. Software, die ECML unterstützt, kann diese Felder dann erkennen und automatisch ausfüllen.
Was ist ECML nicht?
Der Standard soll kein Ersatz für bereits bestehende Lösungen sein wie z. B. SET, XML oder das sichere Übertragungsprotokoll SSL, mit dem Formulare, die sensible Daten abfragen, abgesichert werden sollten. ECML wird als Ergänzung zu den bisherigen Lösungen angesehen. SET zum Beispiel unterstützt definitionsgemäß nur einige der immer wieder geforderten Eingaben. Durch die Integration von ECML erspart man dem Nutzer auch die bisher noch manuell erforderlichen Eingaben. SSL wiederum sorgt ja lediglich für die Abhörsicherheit der Transaktion und hat technisch gesehen nichts mit ECML zu tun.

Wie können Händler teilnehmen?
Jeder Händler kann teilnehmen, indem er seine bestehenden Online-Formulare entsprechend anpaßt. Natürlich ist damit noch nicht alles getan. Damit die beim Händler eingesetzte Software auch weiterhin die Formulare versteht, müssen auch ihr die neuen Bezeichnungen beigebracht werden. Neue Software sollte direkt bei der Lieferung ECML-fähig sein; die Firma Netlife AG z. B. vermeldete bereits am 28. Juni, dass ihre Produkte Netlife POS und Netlife ServerPOS das neue Protokoll unterstützen. Daniel Heck, zuständig für die Public Relations beim Shopanbieter OpenShop, kann seiner Software ECML-Tauglichkeit bescheinigen: Durch die offene Architektur des Produkts kann man jederzeit umsteigen bzw. neue Formulare von vornherein kompatibel entwerfen.

Wer Standardsoftware einsetzt, sollte nach Updates Ausschau halten oder beim Neuerwerb auf das Feature achten. Die Befürworter von Eigenentwicklungen müssen sich wohl oder übel an die Tastatur begeben und selbst für eine Anpassung sorgen. Lizenzgebühren entstehen übrigens keine. ECML ist bewußt als open standard konzipiert, um zu einer hohen Marktdurchdringung zu kommen. Wer also ECML in seine Software, CGIs, Webseiten integriert, kann dies getrost tun, ohne eine Rechnung seitens Dritter erwarten zu müssen.

Wie können Käufer teilnehmen?
Der Kunde benötigt ein sogenanntes Wallet, d.h. eine elektronische Börse, die er in Form einer kleinen Software auf seinem Computer installiert und anschließend mit seinen Daten füttert. Es ist geplant, dass der Kunde diese Software von seiner Bank bekommt. Er kann danach zwar die Lieferadresse ändern, nicht jedoch die Daten der Kreditkarte. Dies soll die Händler vor Mißbrauch schützen. Als weitere Features soll es eine virtuelle Quittungsverwaltung geben und Microsoft bastelt gerade an einer Integration in das Produkt Microsoft Money. Noch ist es zu früh, um Bezugsquellen anzugeben oder Kosten zu nennen. Es ist jedoch zu erwarten, dass die Software für Endkunden kostenlos sein wird, denn schließlich soll ja der Handel angekurbelt werden. Das lassen sich Kreditkartenanbieter, Banken und Händler in der Regel etwas kosten.

Zu schön, um wahr zu sein?

Liest man die Seiten der ECML-Initiative , so erscheint alles vorteilhaft und birgt keine Probleme. Das Wallet soll durch eine PIN gesichert werden (deren genauer Einsatz jedoch nicht weiter erläutert wird). Auch eine selektive Freigabe der Daten ist möglich: Nachdem das Wallet ein Formular ausgefüllt hat, kann der kritische Käufer einzelne Formularfelder einfach wieder löschen, bevor er es abschickt.
Aber wo werden zum Beispiel die Daten des Inhabers gespeichert? Auf der Festplatte des heimischen PC? Dann müssen sie gut gegen Angriffe von außen gesichert sein, und im Falle von Mehrbenutzersystemen (z.B. im Büro) auch gegen den direkten Zugriff. Oder auf einem Server? Bei welcher Organisation? Und wie wird der Datenschutz in diesem Fal gesichert? Das sind Fragen, die noch zu klären sind.

Zukunft
Kritiker merken nicht ohne Grund an, dass das Prinzip der Wallets ein alter Hut ist und bisher alle Lösungen am Markt mehr oder weniger gescheitert sind. Es gibt die kleinen Helfer von Yahoo, Cybercash, Trintech und anderen. Benutzen Sie eines? Nicht? Dachte ich mir. Die alten Wallets unterscheiden sich jedoch in einer Hinsicht ganz deutlich von ECML: Sie sind alle nur auf einen Betreiber zugeschnitten. Mit dem Yahoo-Wallet können Sie auch nur im Yahoo-Store einkaufen. Die Software wurde bisher immer als Unterscheidungsmerkmal eingesetzt, um den Kunden an die eigene Site zu binden. ECML ist offen für alle. Der Kunde entscheidet sich für ein einziges Wallet und kann dann bei allen Händlern einkaufen gehen, die den Standard unterstützen. Das gefällt den Differenzierern natürlich nicht, aber es ist der entscheidende Vorteil für den Online-Shopper, der ECML zum Durchbruch verhelfen könnte.

Das ECML-Konsortium hat sich bereits die Unterstützung wichtiger Online-Händler in den USA gesichert. Beyond.com, Dell Computer Corp., fashionmall.com und andere finden sich in der Liste der Supporter. Microsoft entwickelt den Passport mit ECML-Unterstützung, Trintech ist gerade dabei, die Händlersoftware PayWare und die ezCard aufzurüsten. Ein besonders interessanter Hinweis kommt von Sun, wo man auf die Allianz von Netscape anspielt. Wäre es nicht ideal, wenn Sie gar kein Wallet bräuchten, sondern der Browser das einfach mit übernimmt?

Richard Martin, Firmensprecher von Trintech, erwartet den breiten Einsatz von ECML bereits in sechs Monaten. Etwas skeptischer ist Russel B. Stevenson jr., Senior Vice President und General Counsel von Cybercash. Er meint, es brauche mindestens ein Jahr bis zur Durchsetzung des neuen Standards, da niemand vor der Weihnachtssaison Störungen durch Software-Updates riskieren werde. Bei Sun und Visa hofft man hingegen, schon zum Weihnachtsgeschäft bei den Top-Händlern ECML-Shops vorzufinden.

ECML besticht durch Einfachheit und den offenen Standard. Jeder, der einen neuen Shop einrichtet, sollte von vornherein seine Formulare so auslegen, dass seine Kunden mit den neuen Wallets einkaufen können. Wenn Sie schon einen Shop betreiben, lohnt sich ein Blick in die Technik. Ist es mit wenig Aufwand möglich, auch Ihren Besuchern den neuen Service zu bieten, dann sollten Sie so bald wie möglich umstellen. Sind dazu größere Investitionen in Software oder Programmierung nötig, beobachten Sie den Markt und warten vielleicht noch auf die Resonanz Ihrer Besucher. Aber warten Sie nicht zu lange!

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